Das mikroskopisch kleine Virus wirkt, pandemisch auf eine Gesellschaft losgelassen, wie ein Vergrößerungsglas. Die Stärken und Schwächen einer Gemeinschaft, ihre öffentlichen und privaten Bruchlinien und Konflikte werden in einem Ausmaß sichtbar, das erstaunlich, mitunter erschreckend, aber wenig überraschend ist. Der oft gehörte Satz, dass wir uns einer Bedrohung gegenübersehen, wie es sie seit vielen Jahrzehnten nicht gegeben hat, verführt dazu, das Unbekannte zu betonen und das nur allzu Bekannte zu verdrängen. Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen führen uns allerdings eindrucksvoll vor Augen, wie sehr das Virus als Katalysator für die Zuspitzung vorhandener Probleme fungiert.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Dazu zählt das soeben aufgeführte unwürdige Tiroler Volksschauspiel, bei dem manche den Eindruck hinterließen, dass für sie regionale Interessen jede Ignoranz rechtfertigten. Vor allem war es offenbar unerhört, dass eine Virologin empfahl, ein Bundesland unter Quarantäne zu stellen. Sich von den Wissenschaften nichts vorschreiben zu lassen, mag einem Lokalheroismus dienen, dahinter verbirgt sich jedoch ein prinzipielles Problem. Als beratende Institution gerät die Wissenschaft in eine prekäre Lage: Wohl kann sie Grundlagen für politische Entscheidungen liefern, selbst aber keine Entscheidungen treffen. Die Expertokratie ist kein lebensfähiges politisches Modell, eine genuine Aufgabe von Politik besteht in der Berücksichtigung und Umsetzung unterschiedlicher wissenschaftlicher Expertisen. Dieser Konflikt liegt im Wesen einer modernen Zivilisation und wird uns noch öfter tangieren.

Viel ist von dem Druck die Rede, dem junge Menschen nun ausgesetzt sind. Hier gilt es, die Warnungen der Virologen mit denen der Psychologen in Einklang zu bringen. Das ist alles andere als einfach. Doch ist diese Situation wirklich neu- oder einzigartig? So lange ist es noch nicht her, dass jeder, der darüber klagte, dass sich Jugendliche aus der Realität zurückziehen und ihr Leben mit Computerspielen und dem Smartphone verbringen, als konservativer Fortschrittsfeind denunziert wurde, der die kreativen Potenziale der neuen Medien nicht erkennen wollte. Und waren nicht Bewegungsarmut und adipöse Erscheinungen seit längerem Gegenstand einer Besorgnis, die man mit dem Hinweis auf eine neue Body Positivity politisch korrekt entkräftete? Jetzt fordern alle die Rückkehr der jungen Menschen ins analoge Leben.

Das Virus verdeutlicht die Schwachstellen unseres sozialen Lebens, es erfindet diese nicht. Wie viel an Vertrauen und Misstrauen in Beziehungen angelegt sein mag, wie viel Gewalt oder Zärtlichkeit das Leben auf engstem Raum bestimmt, wird durch die Krise lediglich grell markiert. Die damit verbundenen Einstellungen werden mit einer Impfung nicht verschwinden. Politisch und juristisch leben wir seit einem Jahr in einem Ausnahmezustand. Unter den Gesichtspunkten des Alltags praktizieren wir jedoch die Fortsetzung desselben mit anderen Mitteln - im Guten wie im Schlechten.

Corona überführt unsere überzogenen Zukunftshoffnungen ihrer Unwahrheit. Weder ist die Digitalisierung ein Allheilmittel, noch lassen sich Menschen gerne auf ein gemeinsames Handeln einschwören. Solidaritätsgefühle gleichen einer Urlaubsstimmung. Nach wenigen Wochen ist die schöne Zeit vorbei. Dann dominieren - selbst angesichts gefährlicher Mutationen - Gruppeninteressen, Egoismen, die eigene Befindlichkeit und die Wut auf alles, was unsere Kreise stört. So sind wir eben. Auch diesen deprimierenden Einblick verdanken wir dem heimtückischen Erreger.