"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl wundert sich über das Ruckeln und Zuckeln im Untergrund.
"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl wundert sich über das Ruckeln und Zuckeln im Untergrund.

In dem bezaubernden Lied "U1" des Wiener Musikduos Die Strottern wird ein Mann besungen, der täglich von Kagran bis nach Favoriten die entsprechende U-Bahnlinie benutzt, den legendären "Silberpfeil" (der mittlerweile auch schon schwer angegraut ist, selbst in seinen neuesten Garnituren). Von Montag bis Freitag steigt zu seiner großen, allerdings nur heimlichen Freude am Nestroyplatz "die scheenste Katz" ein, und fährt ein Stückel mit in seinem Leben. Er fühlt sich wie im Himmel - etwas, das es, wie es in dem berührenden Text Peter Ahorners, der dem Lied zugrunde liegt, so schön heißt, auch "unter der Erd’" geben kann.

Die periphere Begegnung mit seiner Traumfrau (die selbstverständlich nichts von ihrer Bestimmung ahnt) lässt in dem Mann die Phantasie (s)eines Traumberufs heranreifen, die schließlich zu dem Refrain des Liedes führt: "Fahrscheinkontrolle, Schwarzfahren wollen alle, aber Sie mein Fräulein, Sie dürfen alles bei mir..." Und in der Folge bietet der Verzückte seiner Angebeteten im amourösen Selbstgespräch eine Reihe von Dienstleistungen an: ein Eis, eine Fußmassage, eine Minibar - und als Gipfel einen Speisewagen, den er hinten an den Zug anzuhängen gedenkt.

Wenn wir das Lied, das seit gut zehn Jahren zum Standardrepertoire von Klemens Lendl und David Müller alias Die Strottern gehört, in die Gegenwart transponieren, müsste man den Speisewagen freilich durch einen Schlafwagen ersetzen. Nicht wegen etwaiger erotischer Gedanken (die der Mann sicher auch hat, selbst wenn sie unbesungen bleiben), sondern wegen der nunmehrigen Gepflogenheiten der Wiener Verkehrsbetriebe. Ich weiß nicht, ob es Ihnen, so Sie die U-Bahnen benutzen, auch auffällt: Seit einigen Wochen, ja Monaten schleichen die Garnituren auffallend dahin!

Geisterbahn ohne Geister - die U-Bahn im Lockdown... - © Franz Zauner
Geisterbahn ohne Geister - die U-Bahn im Lockdown... - © Franz Zauner

Nicht nur die U1, auch die Linien 2, 3 und 4 ruckeln und zuckeln passagenweise in massiv reduziertem Tempo durch den Wiener Untergrund (der ja bisweilen auch an der Oberfläche liegt). Die Pandemie kann wohl kaum der Grund dafür sein, da sich Viren nicht zwangsläufig langsamer verbreiten, wenn langsamer gefahren wird. Vermutlich sind es anfällige Streckenabschnitte, die zu den verzögerten Fahrten führen, was sich aufgrund des spürbaren Gerumpels, wenn die Züge auf dünnes (Gl)Eis geraten, mitunter anfühlt wie in einer Grottenbahn. Und vielleicht ist ja das der eigentliche Grund: Man möchte uns auf diese Weise den geschlossenen Prater ersetzen! Wobei die nunmehr verpflichtenden FFP2-Masken, die uns alle ein wenig aussehen lassen wie Hannibal Lecter, eher den Eindruck einer Geisterbahn entstehen lassen. (Als welche manche Passagiere die U6, die nebenbei als einzige wirklich zügig fährt, das ganze Jahr über, auch ohne Masken, empfinden...).

Wie das U1-Lied ausgeht? Bevor der Mann sich ein Herz fasst, um die Frau vielleicht doch endlich einmal anzusprechen, ist sie auch schon ausgestiegen (in der Taubstummengasse), und damit ist "alles für die Katz’", was ihm aber erst bewusst wird - am Keplerplatz.