Diese Woche war für die österreichische Justiz zweifelsohne eine denkwürdige. Erinnernswert. Außergewöhnlich. Und, nein, ich meine damit nicht die zarten Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Finanzminister, dem Bundeskanzler und der ÖVP-Parteizentrale auf der einen und der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft auf der anderen Seite. Das ist Folklore, Brauchtum, eine jährlich wiederkehrende Aufführung. Die FPÖ feiert ihren politischen Aschermittwoch und die ÖVP reitet im Februar eine Attacke gegen "rote Staatsanwälte" (© Sebastian Kurz 2020) oder die unabhängige Justiz. Eine Faschingsendzeitveranstaltung also. Nichts Ernstes.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Das außergewöhnliche Ereignis dagegen war eine Erscheinung. Um es katholisch zu sagen: eine Auferstehung des Fleisches, eine Menschwerdung. Uns ist der Willi erschienen.

Und das ist keine niveaulose Zote meinerseits. Nein. Lange war die Existenz der juristischen wie auch realen Person des Willi umstritten. Manche hielten ihn für pure Einbildung, andere für einen, der da hinwegnimmt die Sünden des Bierwirts. Und wie viele unnahbare Gestalten (Gott, Engel, Mitarbeiter des Helpdesk) hat er sich zunächst nur schriftlich geäußert. Aber jetzt war er da. Am - vielleicht - Tag des jüngsten Gerichts im "Bierwirt"-Prozess.

Der Bierwirt selbst war abwesend, auch sein bisheriger Anwalt, der mittlerweile seinen Beruf aufgegeben hat (was er vielleicht schon früher hätte tun sollen), und der neue Anwalt des Bierwirts sagte einer Tageszeitung, der Bierwirt könne sich keinen Anwalt leisten. Dann beendete der scheinbar unbezahlte Anwalt das Verfahren durch den Rückzug der Klage. Und so war dann letztlich nicht einmal mehr die Strafsache selbst anwesend.

Aber der Willi. Der verriet dem Medienvertreter, er kenne den Wirt zwar, aber nicht so gut, er trinke gar keinen Alkohol und Facebook habe er auch nicht. Das Gericht habe eben einen Willi gesucht, und
er heiße halt zufällig so.

Das war’s.

Aber halt! Was tut der Willi jetzt? Einfach wieder verschwinden? Gibt es nicht für einen wie ihn, der von anderen immer dann hinein- oder herangezogen wird, wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen, nicht Verwendungsmöglichkeiten in dieser Republik? Gerade in der Rechtssprechung. Wenn Rudi Fußi vom Innenministerium mit Klagen bedroht wird, könnte er da nicht auch einen Willi brauchen, der für die inkriminierten Postings zuständig ist? Oder sollte nicht das Innenministerium selbst einen Willi in seinen Reihen dringend benötigen, der für alle Ermittlungsergebnisse verantwortlich zeichnet, die irgendwo versickert sind? Und wer könnte eigentlich der neue Generalstaatsanwalt werden? Warum nicht der Willi? Und wer erklärt eidesstattlich, sich mit dem Boss eines Glückspielkonzerns (der freilich niemanden zahlt) zu treffen, wenn nicht der Willi? Da wüsste man auch endlich, wie der Willi mit Nachnamen heißt: Kurz.

Der Willi ist mehr als nur ein Mensch, er ist eine Funktion. Ehrlich gesagt braucht doch jeder einen Willi. Also: Rechtsschutzversicherung kündigen, Willi anrufen. Und am Schluss singen alle erleichtert: "Gestern haben’s den Willi vorg’laden und heut’ und heut’ und heut’, wean’s eam befragen!"