Mein Sohn macht mich älter, als ich bin. Zwar sagt er nicht "Okay, Boomer!" zu mir - aber neulich, als ich ihm in altväterlicher Manier die Tugend des Sparens näherbringen wollte, lachte er nur. Und verglich ungeniert unsere aktuelle Finanzlage: Während ich bei lächerlichen Zinssätzen (eventuell gar Negativzinsen?) auf meinem Konto ein paar Cent erwirtschaftet hatte, verkündete eine App auf seinem Smartphone einen Zugewinn von über 1.000 Prozent. Hoppla! Hatte der Kerl vor zwei, drei Jahren eine vierstellige Summe in Bitcoin investiert - und konnte nun sein Studentenleben locker ohne Taschengeldzuschuss des Altvorderen finanzieren. Ich sah augenblicklich nicht nur uralt aus, sondern auch ganz schön blöd aus der Wäsch’.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Geht es Ihnen ähnlich? Rieten nicht dutzende Auskenner, Freundinnen, Kollegen - und zuletzt sogar Elon Musk - zum Investment in Kryptowährungen? Und winkten bei Hinweisen auf die Rätselhaftigkeit des Phänomens und das unwägbare Risiko cool ab? Die Blockchain, hieß es, hielte alles unter Kontrolle. Sei fälschungssicher, vertrauenswürdig, unknackbar. Und die neue Währung, die ohne staatliche Aufsicht und Zentralbank auskommt, somit selbst eine sichere Bank. Klang ja formidabel - aber dass einem niemand das Wesen und die Funktionsweise dieser Blockchain so zu erklären vermochte, dass man es auch wirklich verstand, machte dann doch stutzig. Und vorsichtig. Übervorsichtig? Es wirkt so, da der Bitcoin-Kurs alle paar Wochen auf ein neues Allzeit-Hoch zusteuert (und in seinem Windschatten viele andere Kryptowährungen). Man könnte sich - Pardon! - in den Arsch beißen.

Andererseits: Wenn jetzt sogar Profispekulanten - nämlich jene, die als Zwischenhändler mit der Gier der Laien spekulieren und so gesehen nie verlieren - in der "Krone" seitenlange Bitcoin-Investmenttipps versprühen, China an einer eigenen staatlichen Kryptowährung bastelt und auch EZB-Chefin Christine Lagarde ähnlich gelagerte Wünsche durchschimmern lässt, ist es hoch an der Zeit, sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen. Und zwar abseits jeglichen Spekulantentums. Denn die elende Gier nach Reichtum (ob mit oder ohne Bitcoin) kostet schon jetzt mehr Menschenleben, Energie und Ressourcen als jede Mega-Pandemie. Mit der Digitalisierung des Geldes sind zwingende Folgerungen verknüpft - und ich bin mir nicht sicher, ob mir alle gefallen. Der gläserne Mensch ist längst Realität, jetzt werden auch Brieftasche und Bankkonto durchsichtig. Wobei man getrost davon ausgehen kann, dass Potentaten - bis hinauf zum Finanzminister ohne eigenen Laptop - Mittel und Wege finden werden, allzu viel Transparenz zu verhindern.

Im Übrigen finde ich schon die Bitcoin-Entstehungsgeschichte - ein Phantom namens Sathoshi Nakamoto erfand anno 2007 den Konstruktionsplan und schenkte selbstlos die kühne Idee (wahlweise: das Trojanische Pferd) der Menschheit - gelinde gesagt dubios. In Zeiten aber, wo Realität, Propaganda, Science Fiction und Groschen-Roman nicht mehr zweifelsfrei unterscheidbar sind, ist alles denkbar. Sogar, dass diese Räubersgeschichte stimmt.