Irene Prugger, geb. 1959, Autorin und freischaffende Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.
Irene Prugger, geb. 1959, Autorin und freischaffende Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.

"Ich mag das einfach nicht mehr sehen!" Das sagt meine Mutter, wenn im Fernsehen eine Impfszene gezeigt wird. Also sehr oft. Aber statt wegzuschauen oder kurz die Augen zu schließen, schaut sie doch immer fasziniert zu, bis die Einstichstelle überpflastert wird und die frisch Geimpften erlöst oder triumphierend in die Kamera lächeln.

Sie hat keine Angst vor der Impfung, ganz im Gegenteil, sie freut sich schon darauf, dass sie an die Reihe kommt und damit wieder ein einigermaßen normales Leben beginnen kann. Sie mag nur nicht hinschauen, wenn eine spitze Nadel in einen Oberarm sticht. Bezüglich Corona ein einstweilen noch zu seltenes Ereignis, aber so oft gezeigt, dass fast schon der Eindruck entsteht, ganz Österreich und halb Europa müsse bereits gegen das Virus immunisiert sein.

Weil es leider nicht so ist, liegen die Nerven blank, der Ton in öffentlichen und privaten Diskussionen wird zusehends rauer und an Tagen, in denen der Meinungskrieg wieder emotionaler geführt wird als der Kampf gegen Corona, würde man sich am liebsten die Ohren zuhalten: "Ich mag das einfach nicht mehr hören!" Aber dann hört man doch hin. Man kann gar nicht aufhören zu hören, was man nicht hören will. Und lässt sich mit Analysen sowohl von fachlich kompetenten als auch von selbst ernannten Experten ohne fachlichen Hintergrund überschütten.

Letztere haben den Luxus, ihre Meinung lauthals kundtun zu können, ohne Verantwortung tragen zu müssen. Das befeuert die Leidenschaft der Rede und erweitert den Radius der vermeintlichen Kompetenzen: Sie würden die wirksameren Strategien und Impfstoffe entwickeln, die geschickteren Verträge aushandeln, für gerechtere Gerechtigkeit sorgen ... Die Schiedsrichter des richtigen Handelns können alles und wissen alles. Und mitunter ertappt man sich selbst in dieser Rolle. Dann ist es Zeit, den Mundschutz überzustreifen und wieder ein bisschen kleinlauter zu werden. Denn optimale Lösungen ohne Nachteile gibt es kaum in dieser Krise.

So wichtig kritische Auseinandersetzungen sind - so nervenzehrend sind sie mitunter. Deshalb kann es nicht schaden, sich für Stunden oder Tage aus den Diskussionen auszuklinken und sich auch thematisch virusfreie Erholungszonen zu schaffen: Keine dozierende Regierung und keine stichelnde Opposition, keine Virologen, Psychologen, Ideologen, keine Zahlen-, Skalen- und Statistikerklärer, keine skandierenden Demonstranten und keine empörten Eltern, keine Be- und Verschwörer, keine polternden Tiroler, keine Leugner und keine Hysteriker, keine besorgten Bürger, keine Ignoranten und Denunzianten, keine Wutreden, Drohungen und Unterstellungen, keine illusorischen Erwartungen und keine religiös anmutenden Heilsversprechen, uns dauerhaft in grüne Zonen zu führen.

Wie erholsam solche kleinen Auszeiten sein können! Vielleicht müsste es einen Mund-Nasen-Ohrenschutz geben, um diese Zeit gesund und gelassen zu überstehen.