Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Auf einer Auktion von Asiatika wurde eines dieser schönen chinesischen Terrakotta-Pferde aus der Tang-Dynastie ausgelobt und von unbekannten Bietern weit über dem Schätzwert für eine beachtliche fünfstellige Summe erworben. Diese Dynastie hatte ihre Zeit von 617 oder 618, da sind sich die Historiker nicht so ganz einig, bis 907, was ja immerhin knappe dreihundert Jahre umfasst.

Die in dieser Zeit produzierten skulpturalen Darstellungen werden daher auch Tangpferde genannt. Viele von ihnen, ca. 45 cm lang und 35 cm hoch, sind zurückhaltend bemalt - oder die Farben sind verblasst, nur noch angenehm pastellartig zart anmutend, denn immerhin sind ja nun mindestens 1114 und im Schnitt so um die 1260 Jahre vergangen. Die Pferde waren opulent gesattelt und wenn man vorsichtig an den hohlen Leib klopft, macht es tatsächlich "tang".

Diese Methode, Authentizität zu überprüfen, ist nicht neu. Die Urheberrechte liegen in der genialen Idee eines Karikaturisten des "New Yorker", der einen Connaisseur in einem Museum an eine Vase klopfen lässt, die, wie ein Schild ausweist, aus der Mingzeit stammt, als Klopfgeräusch aber eben "tang" erklingen lässt. Es gibt aber auch Mingpferde. Die sehen zwar nicht viel anders aus, sind aber jünger, denn die Mingzeit fing 1368 an und ging bis 1644. So mag es also sein, dass, wenn sie beim Klopftest "tang" machen, damit ein Hinweis auf die Originale verbunden ist, wer weiß das schon.

Dabei stellen sich zwei Fragen: Wenn die Mingpferde so aussehen wie die Tangpferde und wenn es, was ich annehmen will, auch in der Mingzeit schon Sammler von Antiquitäten gab (es waren ja im Schnitt 400 Jahre vergangen, das ist schon eine Zeit, in der Kunsthandwerk zur Antiquität heranreift), was waren die damals wert? Oder galten sie nur als Replikate? Und, auf der Grundlage der ersten Frage, noch wesentlich wichtiger, denn ich besitze so ein Pferd - also weniger eines aus der Tang- oder Mingzeit, aber immerhin eine originalgetreue Reproduktion, die ich bei meinem letzten Besuch in Peking in einer Hinterhofwerkstatt in einem der noch verbliebenen Hutongs erstanden habe. Also ein echtes chinesisches Machwerk einer historischen Epoche, die in 400 oder 1200 Jahren auch irgendwie heißen wird, also in ferner Zeit, in der mein Pferd eine original chinesische Antiquität sein könnte. Man muss ja langfristig denken, denn vielleicht werden meine Nachfahren Loblieder auf mich anstimmen, dass ich - aus der Zukunft betrachtet - damals so weitsichtig war, ein Ming- oder Tangpferd aus der Dings-Zeit erstanden und bewahrt zu haben.

Warum ich das mitteile? Ganz einfach - weil ich keine Lust habe, auch noch irgendetwas über die Zukunft nach oder mit Corona oder mit oder ohne Trump zu schreiben, also über die beiden meistgebrauchten und -verbrauchten Themen dieser Tage. Denn die Zukunft hält, wie ich hier belegen konnte, durchaus noch andere Probleme bereit.