Wenn es lustig wird, haben wir einen Mordsspaß. Wenn einer über den Durst trinkt, hat er einen Mordsrausch. Wenn wir ein aufwendig inszeniertes Popkonzert sehen, sagen wir: "Ein Mordsspektakel!" Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Wörterbücher erklären die Bedeutungen folgendermaßen: Der Bestandteil "Mords-" drückt in Verbindung mit Substantiven aus, dass ein besonders hoher Grad von etwas vorhanden ist: Mordswut, Mordsgaude. Oder dass jemand oder etwas als hervorragend angesehen wird und zu bewundern ist: Mordsstimme, Mordsweib. Bei einem Adjektiv bedeutet "mords-" so viel wie "sehr": mordsfidel, mordsstark. Sogar Adverbien können aufgepeppt werden: Es ist mordsviel geschehen.

Im Wienerischen dürfte sich das verstärkende Augmentativpräfix, so der wissenschaftliche Terminus, besonders wohlfühlen: "Trumm" kann mit "Mords-" verstärkt werden und dann selbst als Verstärker in Erscheinung treten: eine mordstrumm Watschen.

Niemand konnte sich erklären, warum wir das Wort für ein vorsätzliches Tötungsdelikt so oft in den Mund nehmen. Selbst das Grimm’sche Wörterbuch leitete das Präfix von mittelhochdeutsch "mort" und lateinisch "mors", Genitiv "mortis" ab. Bis ich durch meine Mitarbeit am "Großen Wörterbuch der Tiroler Dialekte" an einer sprachwissenschaftlichen Entdeckung teilhaben durfte. Der Innsbrucker Universitätsprofessor Hans Moser rief eines Tages an und sagte: "Jetzt weiß ich, wo dieses ominöse Präfix herkommt: Es hatte ursprünglich nichts mit Mord zu tun!" Er hatte in dem uralten und bahnbrechenden Tiroler Wörterbuch von Johann Baptist Schöpf aus dem Jahr 1866 die Eintragung "murzjung" entdeckt, die demnach ganz jung bedeutet. Das Vorläuferwort war laut Schöpf mittelhochdeutsch "murzes" = gänzlich, bis aufs letzte Stück. Im Althochdeutschen gab es das Adverb "murzilingun" = unbedingt, vollkommen, ganz und gar, losgelöst oder abgeschnitten. Das Wort hat vermutlich dieselbe indogermanische Wurzel wie morsch und mürb.

Ich habe einen Blick in die alten Wörterbücher des Wienerischen geworfen. Franz Seraph Hügel schrieb 1873 noch "Murt", seine große Zahl an Beispielen zeigt, wie produktiv das Präfix schon damals war: Murtbagaschi (= erbärmliche Leute), Murtstückel (= starke Frauensperson) etc. Eduard Maria Schranka schob 1905 ein Fugen-s ein: Murtstrum, Murtsfetzen. Julius Jakob wählte 1929 die Schreibung "Murds-": Murdsweib (= großes oder tüchtiges Weib), Murdsstuck (= großes Stück). Allmählich ist das Verständnis für die Wortherkunft verloren gegangen. "Murz" wurde via "Murds" zu "Mords". Wobei im Wienerischen das Wort Mord früher so ausgesprochen wurde wie das geschriebene Murt: A Muad is gschegn.

Derselbe Lautwandel hat bei einem Ausdruck der Kartenspieler stattgefunden. Ich habe mich oft gefragt, wie die Bezeichnung "Mord" in der Illustrierten Preference zu verstehen ist. Ist das eine mörderische Ansage? Wer "Mord" sagt, behauptet, dass er alle Stiche macht, dass er also das Spiel "gänzlich, bis auf den letzten Stich" kontrolliert. Den Ausdruck gab es auch in einer früheren Variante, im Brandeln. Auch hier ist "murzes" Pate gestanden.