Neulich ging ich mit einem Freund spazieren. Man geht ja viel spazieren dieser Tage, weil sonst wenig bleibt - aber ich halte das nicht für ein Problem. Im Gegenteil. Die Wertschätzung des Möglichen, die Entdeckung des Naheliegenden, die Selbstbescheidung als Gebot der Stunde erscheint mir beglückender als jede Urlaubsreise auf die Malediven (oder ähnliche Unterfangen, die ich, ehrlich gesagt, schon vor Jahren als eher fragwürdig erachtete). Wir drehten also unsere Runden, plauderten über dies und das - und es fiel ein Satz, den ich fast wortgleich in einem Leitartikel einer Tageszeitung wiederentdeckte: "Die Corona-Krise hat die unfassbaren digitalen Defizite einer überforderten Verwaltung sichtbar gemacht." Punkt.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Tatsächlich kracht und knirscht es an allen Ecken und Enden. Der Staat als übergeordnete Entität erweist sich oft, zu oft als Papiertiger. Die Vorstellung der Potenz, ja der Allmächtigkeit des Gemeinwesens - egal, ob auf der Ebene eines Bundeslandes, der Republik Österreich, der EU oder gar des ganzen Planeten - wird schon bei der Organisation von Impfungen ins Schattenreich der Illusion und enttäuschten Erwartungen verwiesen. Freilich ist der unbedingte Glaube an Ämter, Behörden und Politik seit jeher naiv - was aktuell das Stichwort "Selbstverantwortung" drastisch im Kurs steigen lässt. Die Möglichkeiten dafür sind aber beschränkt. Und ungleich verteilt. Insofern bleibt doch wieder nur, in den höheren Etagen anzuklopfen.

Bei diesen Zeilen handelt es sich um eine Technik-Kolumne und kein politisches Pamphlet. Und doch gestatte ich mir (und Sie mir hoffentlich auch), auf die Einlösung essenzieller Vorhaben und Notwendigkeiten zu dringen. Fast schon aus Notwehr. "Die Regierung verspricht superschnelles Internet für alle", las ich dieser Tage. In derselben Ausgabe der Tageszeitung, die ich schon vorhin zitierte (Sie erinnern sich: "unfassbare digitale Defizite").

Wie beiläufig wurde erwähnt, dass das anno 2013 ausgerufene Ziel, Österreich mit einer "Breitband-Milliarde" bis Ende 2020 flächendeckend mit 100 Mbit/s-Datendurchsatz zu versorgen, gescheitert ist. Gerade einmal ein Zehntel (!) davon ist aktuell Standard. Dass in punkto Ausbau des Glasfasernetzes Österreich wiederholt in Europa auf den hintersten Rängen landete, ergänzt das beschämende Bild. Wir sind, was die digitale Infrastruktur betrifft, ein Entwicklungsland.

Jetzt hat die dafür zuständige Ministerin einmal mehr einen "Breitbandgipfel" einberufen und eine neue Plattform gegründet, die die nächste Milliarde verteilen helfen soll. Wirklich konkrete Ansagen waren den Beteiligten nicht abzuringen, weiterführende Aussagen zum krachenden Scheitern der politischen Vorgänger schon gar nicht. Nun strebt man also eine 80-prozentige "Grundversorgung" der österreichischen Haushalte bis zum Jahr 2024 an. Da auch das Wohl und Weh der österreichischen Wirtschaft mit all den neuen Homeoffices an derartigen Plänen hängt, schlage ich vor, sich diese Zeilen auszuschneiden, einzurahmen und gut sichtbar an die Wand zu hängen.