Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Nach einer Serie von unliebsamen Schlagzeilen mit Tiroler Bezug (den Wienern "Werden uns kennenlernen" ausgerichtet, von Deutschland als "Mutationsgebiet" tituliert, danach mit Einreiseverbot belegt) war es nur eine Frage der Zeit, bis der ORF die "Piefke-Saga" wieder aufleben lässt. Die in den 90er Jahren gedrehte Kurzserie, in der Kurt Weinzierl, selbst Tiroler, einen Zillertaler Hotelier spielt, der stets einschmeichelnd um eine Berliner Gastfamilie scharwenzelt - und der seine Erleichterung kaum verbergen kann, als diese aufgrund eines Piefke-feindlichen Zeitungsartikels verärgert abreist.

Es ist das uralte Tourismus-Dilemma: Der Kunde bringt Geld und ist daher König, auch wenn er seinem Gastland zuweilen auf die Nerven fällt. Dass Letzteres insbesondere auf "die Deutschen" zutrifft, war ein hartnäckig gepflegtes Klischee. Die schlichte Wahrheit lautet: Es kommen sommers wie winters weit mehr Deutsche nach Österreich als Leute anderer Herkunft, und die Zahl der Konflikte zwischen Urlaubern und Einheimischen wird, gemessen an deren Anteil, bei "den Piefkes" nicht höher liegen als bei allen anderen Gästen, österreichische Urlauber mit eingeschlossen.

Was unseren Nachbarn allerdings anhaftet: Sie kommen gerne hierher - und tun das schon lange. Kürzlich fand ich in der Ausgabe April 1962 von "Westermanns Monatsheften" - eine bis vor rund dreißig Jahren existierende deutsche Kulturzeitschrift - eine Annonce der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung mit dem Titel "Ruhe und Erholung in Österreich". Dazu die Zeichnung eines Sees, in dem Leute baden und paddeln, am Ufer ein Dörfchen mit kleinen Häusern und einer Kirche mit Zwiebelturm, links und rechts davon Wiesen und Wälder, auf einem Hügel eine Burg, und im Hintergrund ein hoher Berg. Und damit das Bild seine Wirkung auf die deutsche Leserschaft ja nicht verfehlt, steht dieses Idyll unter einem Glassturz - oder ist es eine Schneekugel ohne Schnee?

Wie auch immer, die Botschaft lautet: In Österreich ist es schön und du kannst dich hier sicher vor jeder Art von Widrigkeit fühlen. So etwas verfängt: Erst kürzlich ergab eine Umfrage der Österreich Werbung, wie die damalige Fremdenverkehrswerbung heute heißt, dass 13 Prozent aller Deutschen überlegen, ihren Sommerurlaub hierzulande zu verbringen, so die Pandemie es zulässt.

Es sind wohl eher die Gastgeber, die sich davor fürchten, ihre Gäste zu vergrämen. Als bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 im argentinischen Cordoba das mittlerweile legendäre Match gegen Deutschland anstand, soll der Veldener Fremdenverkehrsverein die österreichischen Kicker per Telegramm ersucht haben, "den deutschen Gegner nicht allzu hart zu bedrängen und fremdenverkehrsfreundlich zu spielen".

Der Ausgang des Spiels ist bekannt - und dennoch blieben die Deutschen dem Wörthersee und anderen Reisezielen hierzulande treu. Und das bis heute.