Authentizität ist der neue Heilige Gral. Was vor kurzem noch Wirtschaftswachstum war und davor Vaterlandsliebe, Gottesfurcht oder Enthaltsamkeit, ist heute die Authentizität. Alles muss sie besitzen, jeder muss sie ausstrahlen, ohne Authentizität bist Du nichts. Warum sie so begehrt ist, bleibt im Unklaren. Vielleicht ist das Geheimnis der Authentizität auch der Umstand, dass sie sehr schwierig auszusprechen ist. Wo ist das T? Wo das Z? Wie viele Zitzen muss Authentizität besitzen? Trotzdem ist der größte Holler plötzlich wertvoll, kann gesagt werden, ist betrachtenswert, solange er nur authentisch ist.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Das macht in einem kapitalistischen Gesellschaftssystem, wo alles zur Ware werden kann, natürlich vor künstlichen Produkten nicht halt. Umso größer die Erschütterung, wenn sich herausstellt, dass ein urösterreichisches Unternehmen wie "Hygiene Austria" Masken aus China als "Made in Austria" verkauft haben könnte. Denn hier wird auch noch die zweite heilige Kuh des von der Globalisierung verunsicherten Endverbraucher im Schlachthaus zerlegt: Die Ursprungsbezeichnung. Denn wichtig ist, wo wir daham sind und wer mit uns hier daham ist, weil er ja dann von daham kommt, wo wir daham sind. Der Dahamismus als Antwort auf eine multipolare, unübersichtliche Welt ist der politische Arm der Authentizität. Und darf alles - außer aus dem Ausland kommen. Wissen wir doch immer, auch wenn wir nichts mehr verstehen, dass das Österreichische im Österreichischen in Österreich immer noch aus Österreich kommt.

So gesehen hat die Maskenaffäre den zentralen Wert des Kleinstaatsbürgers ins Wanken gebracht: die Authenzitität des österreichischen Dahamismus. Sozusagen ist die Umetikettierung von chinesischen Masken ein Angriff auf die Austritizität.

Leider reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Recherchen haben ergeben: Große Teile des Fundaments unserer Austritizität sind auch nicht von daham, sondern von woanders.

Gut, dass das Wiener Schnitzel eigentlich aus Mailand ist, ist eine Bröselweisheit. Aber auch der Stephansdom ist nach einem ungarischen Heiligen benannt. Auch wachsen die Kakaobohnen, aus denen die Schokolade für die Mozartkugeln gewonnen wird, nicht im Schlossgarten von Schloss Mirabell. Es kommt noch schlimmer: Die Lipizzaner sind benannt nach dem Gestüt Lipica, das in Slowenien liegt. Und die Vorfahren der heutigen Tiere kamen aus Dänemark, Neapel, Tschechien und - Achtung, jetzt wird’s hart - Arabien. Weiters: Der Präsident des FK Austria Wien ist eigentlich aus Deutschland und hat vorher bei der Schweizer Firma Nestlé gearbeitet. Apropos Schweiz: Die Habsburger, die 600 Jahre lang dieses Land regiert haben, waren eigentlich Schweizer.

Ja, ich weiß, das tut weh. Aber wir stehen das gemeinsam durch. Haben wir doch schon ganz andere, unangenehme Wahrheiten einsehen müssen. Was? Auf der "Lucona" war gar keine Uranmühle? Sag bloß, das Geld war nicht Schwiegermutters? Was sagst Du? Der Strache war gar nicht ang’soffen? Andererseits: Eine Firma, die zu knappen fünfzig Prozent einem Unterwäschehersteller gehört und schmutziger Geschäftspraktiken verdächtigt wird, ausgerechnet "Hygiene" im Namen trägt, das . . .

. . . ist schon sehr österreichisch.