Hier soll es nicht darum gehen, ob die jüngste Aussage von Bundeskanzler Sebastian Kurz, in der EU gäbe es einen "Impfbasar", eine berechtigte Kritik oder ein plumpes Ablenkungsmanöver war. Mich interessiert, wie das Wort "Basarmethode" einen derart negativen Klang bekommen konnte.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Der Basar - ein aus dem Persischen stammendes Wort für das Händlerviertel in orientalischen Städten - ist für uns eine fremde Welt. Aus dem Urlaub wissen wir, wie es im Basar zugeht: Der Tuchhändler nennt einen Preis, die Touristin schickt sich an, zu gehen, der Händler folgt ihr und bietet eine Reduktion an - so wird der Preis des Tuches in mehreren Etappen gesenkt, bis Einigkeit besteht.

Das Herunterhandeln im Basar hat auch deshalb ein schlechtes Image, weil wir an vorbeiziehende Käufermassen denken, an den ohrenbetäubenden Lärm, an das ungute Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden. Unsere Welt ist eine andere. In den Supermärkten stehen die Preise auf dem Etikett, allfällige Rabatte vergibt der Computer. Im Restaurant steht auf der Speisekarte, was ein Gericht oder ein Getränk kostet - auf den Cent genau.
Die Tarife der Telefon-, Internet- und Stromanbieter können wir im Netz abrufen. Unser Spielraum beschränkt sich auf die Wahl der Supermarktkette, des Restaurants oder des Anbieters. Selbst die Löhne und Gehälter sind nach unten hin bereits festgelegt, durch Kollektivverträge.

Nur in Randbereichen können wir noch verhandeln, zum Beispiel, wenn es um eine Überzahlung gegenüber dem kollektivvertraglichen Mindestlohn geht. Vielleicht lässt auch der Tischler mit sich reden und macht den Einbaukasten zu einem günstigeren Preis. Aber heutzutage ist man froh, einen Tischler gefunden zu haben, der bereit ist, einen kleinen Auftrag zu übernehmen.

Eigentlich hat die Basarmethode nichts Verwerfliches an sich, sie ist in adaptierter Form ein Teil des Geschäftslebens. Der eine will dem anderen etwas verkaufen, das Geschäft findet statt, wenn sie sich über den Preis einig sind. In vielen Fällen ist der Verkäufer mit dem Preis zuvor hinuntergegangen.

Ähnlich verlaufen KV-Verhandlungen. Die Gewerkschaft verlangt eher viel, die Arbeitgebervertreter bieten eher wenig, am Ende trifft man sich etwa in der Mitte. Außerdem gibt es Verfahren, bei denen der Preis nicht hinunterverhandelt, sondern zwischen mehreren Interessenten hinaufverhandelt wird. Wenn Handy-Netze versteigert werden, erhalten die Meistbieter den Zuschlag. Ähnlich läuft die TV-Sendung "Bares für Rares" ab. Vielleicht ist sie nicht nur deshalb beliebt, weil man Interessantes über Antiquitäten erfährt, wahrscheinlich besteht ihr Reiz auch darin, dass eine archaische Verhandlungsmethode publikumswirksam in Erinnerung gerufen wird. Am Ende kann man sehen, ob der Meistbieter wesentlich mehr oder wesentlich weniger als den Schätzwert gezahlt hat.

Aber daran denkt niemand, wenn er "Basarmethode" hört. Ungeachtet der Mechanismen in anderen Bereichen des Geschäftslebens ist der Ausdruck in unserer Kultur stark abwertend. Nur in der Zusammensetzung "Wohltätigkeitsbasar" hat das Wort einen guten Klang. Das ist dann meist eine Tombola.