Die digitale Hemisphäre hat ein Problem. Ein sehr menschliches Problem, wenn man es genauer betrachtet: Sie ist für analoge Wesen aus Fleisch und Blut nur bedingt zu begreifen. Und zwar durchaus auch im wortwörtlichen, haptischen Sinn - eine Abfolge von Nullen und Einsen als unsichtbarer Datenstrom bleibt für den Großteil der humanoiden Spezies ein ewiges Mysterium. Unbegreiflich. Und unbegreifbar. Zwar sind die Ergebnisse der Rechenoperationen logisch nachzuvollziehen und zeitigen allerhand konkrete Auswirkungen, aber dennoch trauen wir Algorithmen, Datenspeichern und der Computerwelt generell nur bedingt über den Weg. Das erklärt auch, warum wir etwa an physischen Tonträgern festhalten - sie sind mit "realem" Besitz verbunden, mit der Aura des Angreifbaren, mit vertrauten Formaten und sentimentalen Erinnerungen. Ein Spotify-Stream lässt zwar auch Musik erschallen (und das meist bequemer und in besserer Qualität als eine zerkratzte, alte Schallplatte), aber vielen erscheint ein Beatles-Song so gehört seltsam aseptisch und geschmacksbefreit. Let it be.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Die Aura eines Kunstwerks ist in der Sphäre der bildenden Kunst zudem weitgehend mit dem Original verbunden, setzt also auf Ursprünglichkeit und Autorenschaft inmitten einer Welt der millionenfachen technischen Reproduzierbarkeit. Auch wenn sich jedermann eine perfekte Reproduktion von Leonardo da Vincis "Mona Lisa" ins eigene Wohnzimmer hängen kann, bleibt das Gemälde im Pariser Louvre (oder hängt dort inzwischen bloß eine Kopie?) das eigentliche Objekt der Begierde. Damit kommen wir zum zweiten Problem der digitalen Hemisphäre: Sie kennt keinen Unterschied zwischen Original und Kopie. Ja, sie kennt diese Begriffe nicht einmal mehr. Jede idente Datenkonstellation beinhaltet exakt dieselbe Information, jeder gleiche Wert ist - solange wir nicht zu den absonderlichen Uneindeutigkeiten der Quantentheorie vorstoßen - mathematisch ident. Die Welt der Wissenschaft steht in denkbar scharfem Kontrast zur gefühlsgeladenen, unlogischen, von ewiger Suche nach Schönheit genauso wie von menschlicher Gier geprägten Welt der Kunst.

Wie könnte man in diesem chaotischen Menschlichkeitsreservat klare Ursprungsanzeigen und geordnete Besitzverhältnisse (Copyrights) ermöglichen? Löst man diese Frage, erblüht auch jeglichem digitalen Artefakt, dem man sentimentalen Wert zugesteht, der Kunstmarkt der Zukunft. Hier kommt einmal mehr die digitale Moderne ins Spiel. Und zwar mit Karacho, wie der Hype um NFTs (Non Fungible Tokens) zeigt. Die Blockchain, also jener dezentrale und manipulationssichere Index aller Transaktionen, der schon das Rückgrat von Bitcoin & Co. bildet, ist das wesentliche Element. Die Tokens sind nur die Schlüssel zu bestimmten "Smart Contracts", also Informationen und Leistungen, die quasi im Digitaltresor hinterlegt sind. Das kann eine goldene Eintrittskarte zu Rockkonzerten sein (wie es gerade die Kings of Leon durchgespielt haben) oder das Zertifikat für eine millionenteure Fotocollage im Netz (fragen Sie den Künstler Beeple!)

Angefixt? Für den nächsten Smalltalk in der Galerie ums Eck ergibt das jedenfalls mehr als genug Gesprächsstoff.