Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Wurden Sie schon einmal von einem Vampir gebissen? Vermutlich nicht. Von einer Zecke? Schon eher. Die Viruserkrankung, die als Folge auftreten kann, ist nicht zu unterschätzen. Der Virusbefall, der mit einem Vampirbiss einhergeht, ebenfalls nicht. Er vermag laut Horror- und Gespensterliteratur einen Menschen in einen Vampir oder ein Zombie zu verwandeln. Das Coronavirus hat zum Glück noch keine Mutation mit derartigen Folgen ausgeformt, allerdings sind die Mutationen, die ein Virus in Fantasie und Sprache evoziert, stark von unheimlichen Vorstellungen geprägt.

Der Psychoanalytiker und Psychiater August Ruhs bezeichnet das Coronavirus u.a. als "Alien" und legt damit die gedankliche Schiene zur Science-Fiction. Den Essaywettbewerb, den er mit dem Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse zum Thema Pandemien und ihre Folgen aus psychoanalytischer Perspektive ausschrieb, gewann Sebastian Baryli. Dieser erläuterte im "Salzburger Nachtstudio" auf Ö1, dass sich in unsere Virusvorstellungen oft infantile Bilder von Saugen und Aussaugen mischen wie beim Dracula-Mythos. Und weil der Biss eines Vampirs Unsterblichkeit bedeute, könne damit auch der unbewusste Wunsch verbunden sein, gebissen zu werden. Interessanter Gedanke - vielleicht kommt man damit ja den verborgenen Beweggründen der Corona-Leugner auf die Spur!

Am häufigsten werden Kriegsmetaphern bei der Corona-Abwehr bemüht. Es sei ein "Kampf gegen einen unsichtbaren Feind", wie es Emmanuel Macron formulierte. Und da am Kriegsschauplatz Körper das "heimtückische" Virus unsere Zellen "umprogrammieren" kann, gibt es lange schon eine Entsprechung im digitalen Universum. Ein Artikel in der "Computerwelt" beschreibt es so: "Das Coronavirus war, wie viele Computerviren, ein Zero-Day-Angriff. Es gab keine Vorwarnung, keinen kleineren Ausbruch, bei dem es eingedämmt werden konnte, bevor es sich ausbreitete. Es verbreitete sich schnell, ohne effektive Möglichkeiten zur Behandlung oder Eindämmung, und verursachte enormen Schaden. Das Coronavirus wird von Einzelpersonen übertragen, wenn sie persönlich miteinander interagieren - wie bei der Ausbreitung von Computerviren in einem Netzwerk."

Die mit ihrem Essay "Krankheit als Metapher" derzeit wieder viel bemühte Susan Sontag empfahl, sich von metaphorischem Denken und damit verbundenem Sprachmissbrauch zu lösen. Das ist eine gute Empfehlung. Denn vom allzu fantasievollen metaphorischen bis zum magischen Denken ist es nur ein kleiner Virussprung. Sonst wird uns am Ende noch von Ex-trem-Esoterikern zur Stärkung der Corona-Abwehrkräfte (und zur Vertreibung der Vampire) Knoblauchkauen empfohlen.

Auch Panik und angsterregende irreale Projektionen werden durch angebrachte Sachlichkeit abgemildert. Denn wenn es auch hochromantisch ist, von Dracula gebissen zu werden, die Corona-Mutationen sind schon schlimm genug.