Dass das an und für sich scheinbar unbedeutende Phänomen des Versprechers gerade in Wien durch Sigmund Freud zu Weltruhm gelangte, ist kein Zufall. Wie oft hört man in der Stadt nicht ein "Aber sicher. Kein Problem. Mach ich gerne für Dich!", wo doch der Sprecher solcher Worte eigentlich etwas ganz anderes sagen will. Nämlich: "Bist hinig? Mach Dir dein’ Schaß selber. I bin ja net Dei Deschek!" Aber - hoppala - ist das Falsche rausgerutscht. Ein Versprecher. Naja, kann ja passieren. Das Gegenüber wird es schon merken, wenn die Angelegenheit unerledigt bleibt, dass man so eine Aussage nicht so ernst nehmen kann. Nur weil man das so gesagt hat, muss man es ja nicht gemeint haben.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Diese kleinen sympathischen, heimatlichen, lingualen Fehlleistungen machen selbst nicht vor der Politik halt. Wenn etwa der Innenminister bei einer Pressekonferenz davon spricht, dass Österreich 5.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen habe, dann ist das - wie sich jetzt durch eine parlamentarische Anfrage der Neos herausgestellt hat - natürlich nur ein Versprecher. Ein Lapsus. Ein Lappalieatscherl. Gemeint hat er natürlich 186. Ist doch logisch.

Ob derselbe Grad an mathematischer Ungenauigkeit auch für die 853 Straftaten mit rechtsextremen oder menschenfeindlichen Hintergrund gilt, die er auf eine Anfrage der SPÖ angegeben hat, ist nicht zu hoffen. Denn dann spricht er demnächst bei einer Pressekonferenz von 22.930 rechtsextremen Delikten. Und das würde doch an dem Selbstbild des gemütlichen Österreichers kratzen.

Aber wir wissen ja alle als gelernte Österreicherinnen und Österreicher (und das Österreichertum, das muss man mühsam lernen, es kommt einem nicht von selbst): Egal, was gesagt wurde, so war es sicher nicht gemeint.

Das zeigt schon ein Blick in die Geschichte. Die ist voller Versprecher. Was hat Figl gemeint, als er 1955 gesagt hat "Österreich ist frei!"? Eigentlich: "Österreich ist im Besitz der Volkspartei." Und Schuschnigg, Figls Vorgänger als Kanzler, hat 17 Jahre vorher mit "Gott schütze Österreich!" vielleicht auch nichts anderes gemeint als: "Tut’s den Nazis nicht entgegentreten, geht’s lieber in die Kirchen beten."

Diese Austrifizierung der Bedeutungs- und Sprachebenen haben sogar Menschen von außerhalb (vulgo: Zuagraste) erkannt und sie - der Versprechweise angepasst - perfekt verschlüsselt formuliert. So meint Hebbels Zitat "Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält" in Wahrheit: "Die machen hier aus allem ein Theater."

Und auch der ungarische König Corvinus, der sich in Wien so eingelebt hat, dass er hier sogar gestorben ist, meint mit seinem Zitat über die hiesige Mentalität: "Andere mögen Kriege führen, Du glückliches Österreich, heirate", natürlich nichts anderes als: "Liebe vergeht, Baugrund besteht."

Und so darf man auch das Zitat und Motto von Corvinus’ Zeitgenossen Friedrich III. bitte richtig falsch verstehen. Als Kommunikationskritik auf der Metaebene. Denn sein A.E.I.O.U. heißt nicht "Alles Erdreich ist Österreich Untertan", sondern "Am End is ollas umasunst". Sofern er sich nicht versprochen hat.