"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.
"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

Meine Therapie endete vor zehn Tagen, an einem Donnerstag spätabends. Da lief die letzte Folge der französischen TV-Serie "In Therapie" auf ARTE (die noch weiterhin in der Mediathek  des Senders zu sehen ist). Jeweils Donnerstag, über sieben Wochen und 35 Folgen hinweg, bin ich gewissermaßen selbst bei dem Pariser Psychoanalytiker Philippe Da-yan (gespielt von Frédéric Pierrot) mit auf der Couch gesessen.

In der Serie sieht man, wie er - auch im Wochenabstand - die jeweils gleichen Klienten empfängt: eine Ärztin, einen Polizisten, eine junge Schwimmerin und ein schwer mit- und gegeneinander ringendes Paar. Und zum Abschluss jedes 5-teiligen Folgereigens sieht man ihn, den Therapeuten, bei seiner Lehranalytikerin und Supervisorin. Und man sieht (mit wenigen kurzen Ausnahmen) tatsächlich nur das: das therapeutische Setting, also den Analytiker und seine Patienten. Sonst nichts.

Da kommt man, vor allem zu Beginn, selbst rasch an seine Grenzen. Nur Gequatsche, denkt man, das hält man doch nicht lange aus! Ich war knapp am Aufgeben, bis mir bewusst wurde, dass in dieser genialen Serie der eigene Widerstand gleich mitverhandelt wird. Ganz im Sinne der psychoanalytischen Theorie sind die eigenen negativen Gefühle Teil der Inszenierung. (Übrigens umgesetzt von den Erfolgsregisseuren des Films "Ziemlich beste Freunde".)

Und diese Gefühle beziehen sich nicht nur auf die karge "Handlung", sie springen auch auf die Protagonisten über. So war mir etwa die verführerische Ärztin von Anfang an unsympathisch, während ich für die junge Schwimmerin - ähnlich wie Therapeut Philippe - zärtliche väterliche Gefühle hegte. Den innerlich zerrissenen und traumatisierten Polizisten betrachtete ich mit einer ambivalenten Mischung aus Abscheu und Zuneigung, während mir das zänkische Paar so sehr auf die Nerven ging, dass ich es am liebsten persönlich aus dem Therapieraum hinausgeschmissen hätte.

Frédéric Pierrot in der Rolle des Psychotherapeuten Dr. Philippe Dayan. - © ARTE France / dpa / Carole Bethuel
Frédéric Pierrot in der Rolle des Psychotherapeuten Dr. Philippe Dayan. - © ARTE France / dpa / Carole Bethuel

Aggressionen sind aber nun ein weiteres Thema dieser Serie, die im zeitlichen Umfeld der Pariser Terror-Anschläge 2015 spielt und deren kollektive Auswirkungen auf individuelle Psychen raffiniert spiegelt. Das heißt, man bleibt auf seinen Gefühlen hier nicht buchstäblich sitzen, sondern sie werden - auch für den projizierenden Zuseher (ein weiteres psychoanalytisches Verfahren) - angesprochen und bewusst gemacht.

Das ist oft schwierig, unangenehm, schmerzhaft - aber auch anziehend, faszinierend und im besten Sinne auf-klärend. Darum entwickelt man zu dieser Serie, wenn man dranbleibt, eine starke persönliche Beziehung und Bindung. Sie zeigt auf ihre Weise die Stärken des Genres: Anders als im Kino, wo wenig gesprochen und viel gezeigt wird, ist es hier genau umgekehrt. Und trotzdem so viel gesprochen wird, ist "In Therapie" wiederum weit von jeglicher Literatur entfernt, die zwar die unzähligen Dialoge wiedergeben könnte, aber eben nicht das ausdrucksstarke Mienenspiel (der grandiosen Schauspieler), das die Emotionen erst richtig befeuert. Das kann so eben nur diese Fernsehserie, die hiermit zu den ziemlich besten ihres Faches zählt.