Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Das kleine Städtchen Siegburg liegt tatsächlich an der Sieg und hatte tatsächlich einmal eine Burg. Ansonsten kennt man die Kreisstadt in Nordrhein-Westfalen mit ihren rund 40.000 Einwohnern vor allem in Gestalt des ICE-Bahnhofs Siegburg/Bonn. Der Ort wirbt denn auch gerne damit, dass man von hier aus wahnsinnig schnell in Köln oder am Frankfurter Flughafen sei. Das klingt in meinen Ohren immer etwas komisch, denn warum sollte man an einen Ort ziehen, an dem das Beste ist, dass man ganz fix anderswo hinkommt? Gekommen, um wegzufahren sozusagen.

Ansonsten hat Siegburg jüngst für Schlagzeilen gesorgt, weil es Probleme mit Adalbert Stifter gab. Ja, es gibt dort tatsächlich eine kleine Straße, die dem Böhmerwalddichter gewidmet ist, und weil die Straßenschilder schon etwas Patina angesetzt hatten (wie der Autor ja auch irgendwie), sollten sie erneuert werden. Nun hatte der zuständige Mitarbeiter im Baubetriebshof offenbar weder den "Nachsommer" noch den "Witiko" gelesen, denn beim ersten Renovierungsversuch stand da plötzlich "Albert Stifter". Der zweite Versuch war dann immerhin nur noch knapp daneben: "Adelbert". Man konnte von Glück sagen, dass nicht ein "Adolf Stifter" (Naziverdacht) draus wurde oder gar der Nachname verhunzt wurde ("Sifter", "Steifer"). Jetzt hat alles wieder seine Richtigkeit, aber seither denke ich, wenn ich so durch die Gegend spaziere und Straßennamen studiere, immer, ob da nicht vielleicht jemand im Straßenbauamt wieder kreativ war.

Jüngst erst bin ich zufällig in München in den martialisch klingenden Zahnbrecherweg geraten. Hatte da jemand das Z an die Stelle eines ursprünglichen B gesetzt? Oder aus dem Zaun einen Zahn gemacht? Bis ich erfuhr, dass hier dem (mir bis dahin völlig unbekannten) bayerischen Landtagsabgeordneten Franz Xaver Zahnbrecher ein Straßen-Denkmal gesetzt wurde. Ich selbst wohne in der Georgenstraße, würde als Lyrikfreund aber natürlich viel lieber in der Georgestraße wohnen ("Komm in den totgesagten park und schau"), weshalb ich schon daran gedacht habe, das n auf den Straßenschildern selbst zu überkleben. Und nebenan in der Schellingstraße hätte ich als Austrophiler natürlich nichts gegen eine Schillingstraße.

Vielleicht sollte man den Mann aus Siegburg aber auch bei heiklen Straßennamen zu Rate ziehen. Dann würde in Wien zum Beispiel aus der Mohren- flugs die Möhrengasse, aus dem Lueger- der (je nach Vorliebe) Lügner/Lieger/Lungerring, aus der Dusika- die Musikagasse. Man könnte sich all die teuren Zusatztafeln und leidigen Diskussionen sparen. Der "Siegburger Weg" in Sachen Straßennamen sollte Schule machen.