Der grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat letzte Woche angekündigt, dass der digitale "grüne Pass" für Corona-Getestete rascher umgesetzt werde, als es die Europäische Union vorsieht. Eigentlich hätte ich damit gerechnet, dass das Instrument zur Reise- und Zutrittsfreiheit als der "türkise Pass" etikettiert wird, aber wie es scheint, hat man sich schon in der EU bei der Bezeichnung des elektronischen Dokuments auf die Farbe der Hoffnung festgelegt.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Anschober erklärte uns bei der Präsentation des digitalen Vorhabens, warum wir uns auf den grünen Pass freuen dürfen: In der ersten Etappe gehe es um die Verankerung der Testungen, "damit ich nicht mehr das haptische Papier in der Hand brauche, sondern die Zutrittstests elektronisch umgesetzt werden". Im zweiten Ausbau wären dann die Daten der Genesenen und drittens der Geimpften inkludiert - als Immunitätsnachweis auf breiter Ebene.

Ich halte das Vorhaben für gut und richtig, zusammen mit den Impfungen trägt es zu einer Rückkehr ins normale Leben bei. Aber ich bin verwundert, dass Anschober gegen die Haptik zu Felde zieht. Der Terminus geht auf den deutschen Psychologen Max Dessoir zurück, der 1892 empfahl, die wissenschaftliche Lehre über den Tastsinn in Anlehnung an "Akustik" und "Visualität" als "Haptik" zu bezeichnen. Das Wort wurzelt im Altgriechischen: haptós bedeutet "fühlbar", haptikós "zum Berühren geeignet".

Das "haptische Papier" spielt im kulturpolitischen Diskurs eine wichtige Rolle. So gilt die Haptik beispielsweise als ein wichtiges Merkmal des Kulturguts "Buch". Schon beim Umschlag achten die Verlage darauf, dass sich das Buch "gut anfühlt" - oder dass es eine ausgefallene Oberflächenstruktur aufweist, zum Beispiel eine Prägung hat. Manche Kunden streichen vor dem Kauf eines Romans mit den Fingerspitzen über das Buchcover, erst dann schlagen sie das Buch in der Mitte auf und lesen ein paar Zeilen. Greift sich auch das Papier gut an? Manche Papiere sind rau, manche glatt. An erster Stelle der Kaufentscheidung steht natürlich der Inhalt, aber das Haptische kann bei der Kaufentscheidung den letzten Ausschlag geben.

Ein zweites Beispiel: Vielleicht gehören Sie zu jenen, die jetzt die Printausgabe der "Wiener Zeitung" in Händen halten. Sie streichen über das Papier - ein Berührungsreiz wird an das Gehirn weitergeleitet und führt zu einer Empfindung. Dass sich das Farbmagazin "Wiener Journal" ganz anders anfühlt als das Hauptblatt, "liegt auf der Hand".

Auch in der Entwicklung des Kindes spielt das "Greifen" eine wichtige Rolle, und zwar als Vorstufe des "Begreifens", also des Verstehens.
Erwachsene berühren einander bei einer Begegnung: Händeschütteln, Begrüßungskuss, Umarmen, Schulterklopfen sind Teil des sozialen Verhaltens. Das alles ist heute verpönt. Mir geht es mehr ab als der Verzicht auf den Heurigen. Ich will nicht glauben, dass Rudolf Anschober ein kategorischer Gegner des Haptischen ist - nur weil er immer wieder auf die Einhaltung der Abstandsregeln pochen muss, die ein Berührungsverbot mit einschließen. Vielleicht war der Satz nur gedankenlos hingesagt.