Osterruhe. In Zeiten der Pandemie setzt nahezu jeder Begriff ambivalente Reaktionen frei. Verbirgt sich für Epidemiologen hinter diesem schönen Wort die Verheißung einer segensreichen Stille, die weder durch Einkaufslärm noch durch Familientreffen, Gottesdienste und Ausflüge gestört wird, mutiert für Kirchen und Unternehmen diese Perspektive zu einer unzumutbaren Zumutung. Heilige Zeiten verstärken die Emotionalisierung der Debatte. Da auf das Ostergeschäft gesetzt worden war, da Menschen in einem Maß pandemiemüde sind, dass jede weitere Einschränkung auf Widerstand stoßen wird, muss auch um jene Maßnahmen tage- und nächtelang gerungen werden, deren Erfolg davon abhängt, dass sofort gehandelt wird.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die religiös bestimmten Festtage hatten nicht zuletzt die Aufgabe, der fließenden Zeit eine Ordnung zu geben. Zwar wurden die Höhepunkte des Kirchenjahres längst säkularisiert, aber dass sich Urlaube, Ferien, soziale Kontakte, kulturelle Ereignisse, Reisen und Konsumfreudigkeit gerne an diesen orientieren, unterstreicht deren große symbolische Bedeutung. Wie unterschiedlich die Zugänge zu diesen heiligen Zeiten auch sein mögen, ihre soziale Relevanz als Zäsuren im Fluss des Immergleichen ist unbestritten. Nur das Virus kümmert sich nicht darum. Es nimmt keine Rücksicht auf die verbrieften Tage des Feierns und zwingt uns genau jene Eintönigkeit auf, der wir entgehen möchten, koste es, was es wolle.

Die heiligen Zeiten spielten im Versuch, die Pandemie einzudämmen, noch eine andere, womöglich verhängnisvolle Rolle. Es war naheliegend, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste, auch Forderungen und Wünsche an diese kalendarischen Vorgaben zu knüpfen. Dass in traditionell umsatzstarken Wochen nicht einfach zugesperrt werden kann, gehörte lange zum Mantra einer Politik, die sich mehr an diesen Knotenpunkten der Zeit und weniger an gesundheitsrelevanten Zielen orientierte. Schließlich muss man den Menschen eine Perspektive geben. Dass man zu Ostern mit Lockerungen rechnen könne, klingt besser als der Hinweis, dass es darum gehen muss, die berüchtigte Inzidenz unter einen bestimmten Wert zu drücken.

Auch wenn nach langem Zögern gehandelt wird: Das Virus scheint uns stets einen Schritt voraus zu sein. Seine Mutationen zwingen uns dazu, Gewissheiten über Bord zu werfen, die uns wenigstens als Schutzbehauptung lieb geworden waren. Dass nur alte Menschen mit Vorerkrankungen ernsthaft betroffen seien, wagt nach dem Siegeszug von B.1.1.7 niemand mehr zu behaupten; dass es genüge, Risikogruppen zu schützen und ansonsten auf eine sich rasch bildende Herdenimmunität zu setzen, klingt nach den jüngst beobachteten Fällen von Reinfektionen nicht mehr sonderlich originell; und dass die Impfung alle Probleme rasch lösen werde, stellt sich angesichts der dubiosen Vorgänge rund um die Beschaffung und Verteilung der Vakzine als Chimäre heraus.

Gerade die aktuelle Impfpraxis erscheint als Wette mit ungewissem Ausgang. Zumindest einer der verwendeten Stoffe dürfte gegen die sogenannte südafrikanische Mutante wenig wirksam sein. Es muss darauf gesetzt werden, dass diese sich einfach nicht weiterverbreitet. Worauf solch eine Hoffnung gründet, bleibt nach allen bisherigen Erfahrungen schleierhaft. Durch die Zuteilung des Impfstoffes könnten zwei Klassen immunisierter Menschen geschaffen werden, die unterschiedlich behandelt werden müssten. Das stellte jede Gemeinschaft vor veritable gerechtigkeitspolitische Probleme. Vielleicht sollte die nun doch anstehende Osterruhe dazu genützt werden, darüber ein wenig nachzusinnen. Der europaweite grüne Impfpass wird die Lage allmählich wohl entspannen - erlösen wird er uns nicht.