Hand aufs Herz: Haben wir uns nicht ab und zu darüber lustig gemacht? Über dieses seltsame Wesen, meist männlich, das nur selten aus seiner Arbeitshöhle hervorgekrochen ist. Und das auch nur für kurze Zeit, um gleich wieder darin zu verschwinden. Was es dort gemacht hat, war uns nie ganz klar. Es hatte etwas mit diesem Internet zu tun, ja, und auch mit Computern, sicher, aber was genau haben wir nie verstanden. Hat uns ja auch nicht interessiert. Wir haben einstweilen wirklich Wichtiges erledigt: Businessdeals ausgehandelt, finnische Literatur studiert, Pflanzen gezüchtet, Freunde getroffen (als das noch möglich war) oder einfach gelebt.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Das Wesen hat daran nie teilgenommen. Es war in seiner Höhle. Und wir haben es nicht ernst genommen. Sicher, wenn das Handy kaputt war oder die Verbindung nicht geklappt hat, dann haben wir es angerufen, wie einen Schutzheiligen, einen allwissenden Gott, der eingreifen möge in dieses irdisch-technische Jammertal, es möge doch bitte erscheinen wie die Kavallerie im Western: Jetzt! Schnell! Und dann kam es tatsächlich und hat da draufgedrückt. Drei Tasten gleichzeitig (!) betätigt und seltsame Buchstaben und Zahlen Kombinationen vor sich hin gesagt und dann gesagt: "Das muss ich mitnehmen."

Und am nächsten Tag stand das Gerät wieder da, und alles hat funktioniert. Ein Wunder! Und wir waren dem Wesen auch unendlich dankbar und wollten ein Gespräch beginnen. Ging aber nicht, denn dieser Waldschrat des Großraumbüros, dieses Rumpelstilzchen der modernen Technik war schon wieder verschwunden. Technik war für es kein Problem, Menschen schon eher. Und deshalb haben wir über ihn gelächelt. Was wusste schon dieses seltsame Wesen vom Leben?

Seit ein paar Tagen wissen wir: Womöglich weiß es alles. Denn es besteht der Verdacht, dass eines dieser seltsamen Wesen aus all den alten Handys seiner Kolleginnen und Kollegen, die es zu "entsorgen" galt, sich alles rausgesaugt hat, was nur zum Raussaugen war. Wir wissen nicht, wie das geht, aber das Wesen aus dem Königreich IT kann so was. Und kann das dann auch speichern, die ganzen Informationen von Festplatten und SD-Cards zusammenpacken und weitergeben. Vielleicht an einen Kollegen, der in der Berichterstattung O. abgekürzt wird, zum Beispiel. Oder an den Abteilungsleiter W. Und vielleicht auch an den Finanzjongleur M. Den darf man sogar ausschreiben, denn der wird schon international gesucht wegen Betrugs und Geheimdienstkontakten und anderen Kleinigkeiten: Marsalek heißt der Sympathieträger, WireCard seine Firma.

Aber Gott sei Dank hat das Wesen aus dem sagenhaften Reiche IT in keinem neuralgischen Bereich gearbeitet. Nichts, was wichtig wäre für Staat und Gesellschaft. Nur bei der Polizei. Und in der Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus. Und im BVT, dem wahrscheinlich bekanntesten Geheimdienst des Landes. Wenn nicht des Kontinents.

Was lernen wir daraus? Freundlich sein zu den Wesen aus der IT-Brigade! Bietet den Kollegen aus dem Maschinenraum der Digitalisierung auch mal einen Kaffee an. Schenkt ihnen ein Lächeln, nein, ein Smiley. Es sind Menschen wie Du und ich. Mit einem Unterschied: Sie wissen alles.