Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Falls diese Sache, Sie wissen schon, noch länger dauert, und falls zusätzlich ein gewisser Überdruss an diesen Cliffhanger-Serien wächst, weil deren Inhalte irgendwie stark nach Drehbüchern von mittelmäßig begabter Künstlicher Intelligenz riechen und immer nur recyclet wird, was gestern en vogue und mithin erfolgreich war, wenn man zudem dieses ständige Gestarre auf Laptop oder TV leid ist und das Bedürfnis unstillbar wächst, "wieder mal ein Buch zu lesen", aber gleichzeitig die Entwöhnung vom Serienformat sich wie ein kalter Entzug anfühlt, dann habe ich hier was.

Mit allem, was zu einer Serie gehört: finstere Machenschaften des Kapitals, private Verwirrungen, Scheitern guter Vorsätze, sogar Morde, ein Plot, der durch alle Schichten reicht, und eine faszinierende Kulisse, Paris nämlich, minutiös ausgeschildert, und das im Wortsinn - jeder Straßenname ist authentisch, sodass man sich tatsächlich aus den Suchmaschinen historische Bilder hochladen kann, um doch ein bisschen Multimedia zu pflegen. Es handelt sich um den Romanzyklus "Les hommes de bonne volonté" von Jules Romains (auf Deutsch: "Die guten Willens sind"). Es kommen neben einigen Leitfiguren auf rund 7.800 Seiten der 779 Kapitel in 27 Büchern hunderte Personen vor, mehr als in der spanischen Endlosfernsehserie "Grand Hotel"! Die Handlung erstreckt sich vom 8. Oktober 1908 bis zum 7. Oktober 1933 und beschreibt die Versuche vieler Menschen, sich in dieser Zeit zurechtzufinden und eine friedliche Zukunft zu gestalten. Und damit man nicht die Übersicht verliert, gibt es am Ende jedes Bandes Inhaltsübersichten und ein Register der Auftritte aller Personen.

Leider sind nur sieben der 27 Bände übersetzt. Und zwar von Franz Hessel, der durch seine Plädoyers für das Spazierengehen bekannt ist, etwa für seinen Essay "Vorschule des Journalismus" von 1929, einen Bericht über den Auftrag, etwas über Paris zu schreiben, was aber scheitert, weil er sich in unendlichen Anschauungsobjekten der Stadt so verliert, dass er keine Zeit zur Arbeit findet.

Ähnlich anregend ist sein "Versuch mit Wien". Dass es nur sieben Bände sind, hat mit dem tragischen Schicksal Hessels zu tun, der als Jude emigrieren musste, bevor das Werk erfüllt war. Nebenbei ist die Biografie von Jules Romains vor und während des Zweiten Weltkrieges nicht so ganz unumstritten, doch wird er 1946 in die Académie française berufen. Die übersetzten Bände sind vergriffen, aber in Antiquariaten hier und da zu finden, in leinengebundenen Ausgaben, die bei Rowohlt von 1935 bis 1938 erschienen sind und nach altem Buchdruckerhandwerk riechen, mithin etwas Proustsches an sich haben.

Natürlich möchte man, wenn man sich durch diese sieben Staffeln bewegt hat, auch den Rest genießen, aber den gibt’s, wie gesagt, nur auf Französisch. Was allerdings, wenn diese Sache hier noch länger dauert, auch ein Projekt sein könnte.