Das Faszinierende an der Ostergeschichte ist, das sie uns auch nach Jahrhunderten immer noch sehr viel über menschliche Verhaltensmuster erzählt. Wie in einem Kammerspiel können wir hier Menschen und ihre Reaktionen in Stresssituationen studieren. Jesus, der weiß, was kommt, Angst hat und trotzdem nicht abhaut. Gut, er ist ja auch die Hauptperson. Wär blöd, wenn der kurz vor Schluss der Geschichte das Weite suchen würde. Dann hätten heute die Christen kein römisches Folter-und Hinrichtungsinstrument als Symbol und die Bibel würde mit den Worten enden: "Und nach dem Abendessen ging Jesus noch kurz einmal raus und wurde nie wieder gesehen."

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Und nach Judas ist wohl Petrus der interessanteste Charakter in dem weiter auftretenden Figurenreigen. Petrus, der "Fels", verleugnet seinen Chef noch vor dem ersten Hahnenschrei dreimal. Als Kind war ich immer sehr erstaunt, dass Jesus ausgerechnet diesen Charakter zu seinem Nachfolger - und damit ersten Papst - gemacht hat. Heute weiß ich, Jesus hat voll den Durchblick gehabt. Papst ist schließlich ein politisches Amt und wer in der Politik überleben will, muss leugnen können.

Gut, die Kunst des Leugnens hat sich in den vergangenen 2.000 Jahren weiterentwickelt. Stichwort: Deniability. Mittlerweile muss man beim Leugnen gar kein Faktum leugnen, sondern nur das eigene Wissen darüber. "Dazu habe ich keine Wahrnehmung", heißt das dann und bedeutet etwa: Ich sage nicht, dass es nicht passiert ist, aber ich habe es nicht mitbekommen. Denn ich habe gerade Papierflieger aus dem Fenster geworfen. Oder ich war duschen, hab auf der Toilette onaniert, bin mit meinem Laptop spazieren gegangen, hab TikTokVideos geliked, das neueste Andreas-
Gabalier-Album gehört (mit Kopfhörer, freiwillig). Oder ich habe ganz einfach weggeschaut.

Das Problem dabei ist, dass es immer noch ein bewusster Akt ist, wegzusehen. Vielleicht deswegen erfreut sich neuerdings das Leugnen durch behauptete Fantasielosigkeit großer Beliebtheit. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass . . ." Das heißt: Klar könnte das passiert sein, aber ich bin leider so eine unkreative Unke, so ein stumpfer Heini, ein natürlicher Naivling, dass mir so was nicht in den Sinn käme.

Interessanterweise befällt diese Imaginationsunfähigkeit immer dann Menschen, wenn es um äußerst kreative Firmenkonstruktionen, Jobkreationen und Steuervermeidungsstrategien geht.

Wer aber keine Vorstellung von keiner Vorstellung hat, probiert es mit schlichter Herabwürdigung.

"Es ist doch lächerlich zu behaupten, dass . . ." Das bedeutet in etwa: Mir fällt kein Gegenargument ein, weshalb ich alle berechtigten Vorwürfe pauschal durch den Kakao der Unglaubwürdigkeit ziehe. Wird schon was picken bleiben.

Eine Strategie funktioniert allerdings nicht mehr - jene, die Vorwürfe ins Reich der Fiktion abzuschieben: "Glauben Sie denn, dass die X und die Y irgendwo zusammensitzen und Z untereinander aufteilen?" Denn seit Ibiza wissen wir alle und das interessierte Ausland: "Wir glauben das nicht, wir wissen es. Ja, es läuft genau so." Und mit jedem veröffentlichten Chat verfestigt sich dieses Wissen. Da können die Verantwortlichen noch so lange leugnen. Da schreit kein Hahn danach.