Böse Menschen haben keine Lieder. Wie es sich diesbezüglich mit den Vögeln verhält, ist zumindest mir nicht bekannt, eventuell schaut die Sachlage da aber mitunter umgekehrt aus. Immerhin werde ich seit zwei, drei Wochen verlässlich noch vor Sonnenaufgang von einem Piepmatz geweckt, der zwar hörbar ein sehr guter Sänger ist. Allerdings zwitschert mein Hausvogel im Hof ausgerechnet den "Anton aus Tirol" von DJ Ötzi beziehungsweise die Melodie der Zeile "Ich bin so schön" auf und ab.

Ich will dem Vogel, der laut Kurzstudium via YouTube vermutlich eine Amsel ist, nun weder Boshaftigkeit noch Narzissmus unterstellen. Womöglich hat er die kalte Jahreszeit einfach nur im Westen des Landes verbracht, wobei der mangelnde Regiolekt (von wegen "kch"!) ebenso wie die klimatische Großwetterlage dafür spricht, dass der Winterurlaub auf Mallorca stattfand. DJ Ötzi ist auf dem Ballermann sehr beliebt - und Vögel neigen gesangstechnisch zum Imitieren. Nennen wir es das Karaoke der Lüfte!

An dieser Stelle ein Geständnis: Ja, es stimmt. Unter meinen Vorfahren gab es Vogelfänger. Ich möchte mich davon aber explizit distanzieren. Und auch wenn ich meinen bereits bei einem regionalen Züchter erworbenen Wellensittich Budgie als Kind innig geliebt habe, würde ich heute keinen Vogel mehr hinter Gitter sperren. Ebenso wenig wie man jemandem die Flügel stutzt oder den Schnabel verbietet (das gilt auch für den Menschen!), muss für unsere geflügelten Freunde die Freiheit über den Wolken grenzenlos sein. Sie merken schon, auch einen zweiten von meinem frühen Vogel verantworteten Ohrwurm werde ich derzeit nicht los. Dabei regiert in meinem gegenwärtigen Alltag sehr frei nach Rapper Jay-Z eigentlich das Motto "I got 99 problems but Reinhard Mey ain’t one".

Dies gilt im Übrigen auch für den Warzenhonigfresser. Der vom Aussterben bedrohte Singvogel ist bereits so selten geworden, dass Männchen kaum mehr auf Artgenossen treffen, von denen sie ihren Gesang lernen könnten, was auch zu Problemen bei Balz und Paarung mit der Warzenhonigfresserin vulgo Frau Warzenhonigfresser führt. Dafür gab es wenigstens für die Ornithologen Deutschlands zuletzt gute Nachrichten. Ausgerechnet die gemeine Stadttaube drohte dort zum Vogel des Jahres gekürt zu werden, ehe die erstmals per Volksentscheid durchgeführte Wahl doch noch zugunsten des Rotkehlchens ausging. Dieser Crowdpleaser von einem Vogel ist zwar für wenig ohrenschmeichelnde Alarm- und Störungslaute bekannt, beeindruckt dafür aber mit seinem niedlichen und hübschen Äußeren.

Zu schön, um auszusterben: Doch leider steht es um den Warzenhonigfresser nicht gut. - © Incandescent (talk) (Jessica Bonsell), CC BY 3.0
Zu schön, um auszusterben: Doch leider steht es um den Warzenhonigfresser nicht gut. - © Incandescent (talk) (Jessica Bonsell), CC BY 3.0

Wo man singt, da lass dich nieder: Wo genau sich meine Amsel, die ich immer nur höre, versteckt, weiß ich nicht, ihr schmuckloses schwarzes Federkleid beeindruckt die Menschheit umgekehrt aber deutlich weniger als ihr Gesang, der bereits diverse Komponisten inspirierte. Nur am Musikgeschmack selbst müssten wir jetzt noch arbeiten. Ich schlage Leonard Cohen vor, gegen den DJ Ötzi auch inhaltlich einpacken kann: "Like a bird on the wire / Like a drunk in a midnight choir / I have tried in my way to be free."