Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Als ich in die Volksschule ging, schenkte mir meine Mutter ein Buch über den Alltag der, wie man damals sagte, Ureinwohner ferner Länder. Vom gelben Einband blickten mich mit Erdfarben bemalte Männer an, die hohe Hüte trugen und im Halbkreis um eine in den Sand gezeichnete Schlange saßen. "So lebt man anderswo" hieß das Buch. Darin fand sich ein Dutzend Geschichten, die Buben und Mädchen aus Afrika, Amerika, Asien und Australien erzählten.

Da war Aniwa, die Samoanerin, die vom "Tatauieren" (heute: Tattoo-Stechen) berichtet, Koschtelen, der Feuerländer, der bedauert, dass von seinem Volk nur noch zweihundert Menschen leben, oder Mbungu, das Mädchen aus dem Kongo, das stets vor den Urwaldtieren auf der Hut sein muss. Sie alle waren auf einer Zeichnung zu sehen, daneben jeweils eine kleine Karte der Welt und ein schwarzer Punkt, der ihren Lebensraum markierte. Darauf folgten jeweils Zeichnungen von Menschen bei alltäglichen Verrichtungen, im Festtagsschmuck oder bei rituellen Handlungen.

Ich fand die Geschichten damals sehr interessant, schreckte mich allerdings ab und zu, etwa bei der Passage über die Kopfjagd in Peru - oder war es Brasilien? -, die mit dem Bild des präparierten Hauptes eines feindlichen Kriegers illustriert war. Der Herausgeber hatte sein Werk in den 1950er Jahren, wie er schrieb, in Zusammenarbeit mit dem Hamburgischen Museum für Völkerkunde verfasst. Die Sprache ist jene der damaligen Zeit, in der Menschen aus anderen Erdteilen Bezeichnungen tragen, die heutzutage aus guten Gründen nicht mehr verwendet werden. Das Museum selbst hat die mittlerweile geänderte Sichtweise auf die eigenen Sammlungen und die Kulturen anderer Länder inzwischen einer kritischen Betrachtung unterzogen und sich vor einigen Jahren in Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt umbenannt.

Unlängst besuchte ich die Azteken-Schau im Wiener Weltmuseum. Und was erblicke ich gleich im ersten Raum? Große farbige Zeichnungen von Azteken-Kindern, die per Sprechblasen aus ihrem Alltagsleben erzählen. Etwa ein Bub in einem Ruderboot, daneben ein Erwachsener: "Hier siehst du, wie mein Vater mir das Rudern beibringt." Und weiter: "Sollte die Zeit zum Kämpfen kommen, werde ich Krieger sein." Oder ein Mädchen, das verrät, dass von Frauen erwartet wird, dass sie kochen, spinnen und weben können.

Da waren sie auf einmal wieder, die kleinen Erzähler meiner Kindheit, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Erfreulicherweise haben sich mittlerweile Herangehensweise und Sprache, wie in anderen Bereichen auch, gewandelt - die Darbietung von Kind zu Kind ähnelte meinem Buch mit dem gelben Einband allerdings frappant. Der große Rest der Schau war hochinteressant und sehr kritisch, was die Rolle der Spanier bei der sogenannten Eroberung Mexikos betraf. Das Weltmuseum hieß übrigens bis 2013 ebenfalls Museum für Völkerkunde.