Es ist schmerzhaft zu sehen, wie sich auf Facebook ein paar alte Deppen - die ich eigentlich als vernünftige Zeitgenossen kennengelernt habe - wechselseitig die Schädel einschlagen. Gewiss: nur verbal. Aber kommt es Ihnen auch so vor, dass die Gereiztheit des Tons innert der letzten Monate deutlich zugenommen hat? "Es liegt ein Grauschleier über der Stadt", um die ewigen Pop-Heroen Fehlfarben zu zitieren, und es hängt auch eine greifbare Nervosität in der Luft, die sich konzentriert in den sogenannten sozialen Medien entlädt. Hat wohl zuvorderst mit dem Überdruss an der Pandemie und ihren Folgen zu tun, vielleicht steigt auch die Ahnung noch bedrückenderer Entwicklungen und Perspektiven auf. Wenn Facebook, Twitter, Instagram et al als Blitzableiter dienen können (und sei es nur kurzfristig), soll es uns recht sein.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Worum rittern die Herren - Damen sind seltener, aber doch mitgemeint - eigentlich? Immerhin nicht um modische Torheiten wie Identitätspolitik, Wokeness oder politisch korrekte Lyrikübersetzungen, sondern, hoppla!, um die Reichweite von Elektroautos. Das nenn’ ich wahrlich ein Privileg einer wohlstandsverwöhnten mitteleuropäischen Bevölkerungsschicht. Erklären Sie derlei mal ums Überleben raufenden Menschen in Syrien, Mosambik, Brasilien!

Die Story geht so: Ein Nachrichtenmagazin hatte einen Redakteur losgeschickt, um in einem Porsche Taycan über die Alpen von München nach Zagreb zu reisen. Die Überschrift seines Berichts nimmt das Resümee seiner Erfahrungen vorweg: "Meine unerfreuliche Langstreckenfahrt". Was war passiert? Die übliche Wechselwirkung zwischen leichtfertiger Planung, überlastetem und/oder ausfallsträchtigem E-Tankstellennetz, überhöhtem Stromverbrauch (Winter, Heizung, Geschwindigkeit) und eventuell überzuckerten Erwartungen. Resultat: ein paar Zwangspausen. Neun Stunden Brutto-Fahrzeit. Für eine Strecke von 550 Kilometer. Nicht berauschend, aber auch nicht gerade Postkutschentempo. So what?

Dass man solche Strecken besser im Zug zurücklegt, sollte sich im 21. Jahrhundert schon herumgesprochen haben. Und dass eine Zoom-Konferenz eventuell überhaupt den Großteil an Energie, Zeit und Nerven einspart, sowieso. Die Freiheit, mit glühender Batterie durch die Pampa zu rauschen, darf vom voraus- oder nacheilenden Nachdenken über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens allemal konterkariert werden.

Erst vor wenigen Wochen habe ich mir (im Zug des Tests eines E-Autos mit vordergründig enttäuschender Reichweite) einen Satz notiert: "So sehr Fortschritt nur subjektiv feststellbar sein mag, eines darf er objektiv nicht sein: ein Rückschritt." Heute würde ich glatt mit mir selbst in Streit kommen über dieses Credo. So berauschend und berückend all die gegenwärtigen Zukunftsentwürfe von Porsche, Tesla, Volkswagen & Co. aussehen mögen (zumindest in den Werbeanzeigen): Sie wirken zunehmend deplaciert. Irgendwie aus Zeit und Raum gefallen. Und ressourcentechnisch wie ein Fanal der Dummheit.

Ich glaub’, ich schreib das jetzt so in das Facebook-Forum rein. Die Hitzigkeit der Debatte lässt sich noch steigern.