"Mütend" ist eines dieser neuen Worte. Menschen, die gleichzeitig erschöpft und zornig auf ein Nanometer-großes Ding reagieren, sind mütend. Nach einem Jahr Pandemie... verständlich.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Europaweit sind die Menschen ja schon länger mütend, wenn es um Politik geht. Seit Jahren feiern Parteien mit seltsamen Namen "Diener des Volkes" (Ukraine), "Fünf Sterne" (Italien) oder jüngst "Es gibt so ein Volk" (Bulgarien) Wahlerfolge. Gerne angeführt von Menschen aus dem Showbusiness wie Selenskyj (ukrainischer Komiker), Grillo (italienischer Choleriker) oder Trifonow (bulgarischer Showmaster).

Auch wenn Grillo mittlerweile in Politpension ist, das Konzept verfängt und findet Nachahmer. Und das wohl auch in diesem Land. Gut, das Projekt G!LT ist zwar an den hiesigen Gepflogenheiten gescheitert. Aber zeigt das nicht vielmehr, dass die heimische Politikkaste schon längst auf dieses Phänomen reagiert hat?

Hat uns doch die Truppe um Sebastian Kurz vorgemacht, wie man aus der alten, stinklangweiligen Volkspartei, die in einem Sumpf aus Freunderlwirtschaft, gegenseitigen Gefälligkeiten und inhaltlichen Beliebigkeiten zu verschwinden droht, samt ihrer depressiven Parteifarbe Schwarz, eine junge, hippe, frische "Neue Volkspartei" zaubert mit der Parteifarbe Türkis, die besonders kalt und abstoßend wirkt, was aber auch zu den beliebigen Inhalten passt, die man vertritt, während man in einem Sumpf aus Freunderlwirtschaft und gegenseitigen Gefälligkeiten zu verschwinden droht.

Da ist das Potenzial noch nicht ausgeschöpft.

So ist doch dieser Tage der Darsteller des Clowns Enrico, der sehr verehrte Kollege Heinz Zuber, schlappe 80 Jahre alt geworden. (Gratulation!) Sollte er die Rolle nicht weiter spielen wollen, böte sich die Gründung der Partei "Echte Nebochanten raunzen immer charmant offensiv" - kurz: E.N.r.i.c.o. - an.

Die Pressekonferenzen wären nie lang, aber vorhersehbar informativ ("Soll ich sagen? Soll ich sagen? Ich sage niiiiiicht!"), die Wählerbasis hätte man schon vor Jahren durchs Fernsehen vorbereitet und den (oder die) Spitzenkandidatin oder Spitzenkandidaten würde man immer sofort erkennen: an der Schminke.

Der starke italienische Akzent freilich könnte natürlich Wählerstimmen kosten. Ein Problem, das das Parteienprojekt "Volxxund" nicht kennt. Hier propagiert man die Stärkung des Immunsystems durch dreimal tägliches Absingen der Bundeshymne (ohne Töchter), Desinfektion durch das gegenseitige Einreiben mit Grammelschmalz und Schutzimpfungen mit Obstler. Leider wartet man noch - ohne Mundnasenschutz - auf den Gründungsparteitag, da der erst einberufen werden kann, wenn sich die Geister der verstorbenen Jörg Haider und Peter Alexander zur Sommersonnenwende in Mariazell zu einem Spitzenkandidaten vereinen. Dies soll laut der Prophezeiung der Immobilienentwicklerin Jeannette B. spätestens dieses Jahr so weit sein. Oder nächstes. Oder das darauf. Oder man macht es wie die Profis. Putin spielt etwa seit mehr als 20 Jahren erfolgreich seinem Land "Demokratie" vor und kann jetzt sogar bis 2036 weitermachen. Das Gesetz dazu hat er selbst unterschrieben.

Ja, die Politik braucht Scherzbolde, die sich auch mal einen Jux erlauben. So lang, bis das ganze Land sehr mütend ist.