Das frühere Steyr-Werk, es gehört jetzt zur deutschen MAN-Gruppe, ist von der Schließung bedroht. Wie auf den Wirtschaftsseiten ausführlich zu lesen war, machte der österreichische Investor Siegfried Wolf ein Angebot für eine Übernahme, wobei er auch die Marke Steyr wiederbeleben wollte. Doch der Arbeiterbetriebsratsobmann mobilisierte gegen ihn. Dass dieser Belegschaftsvertreter am Tag nach der Urabstimmung den Ruhestand antrat, ist eine merkwürdige Randnotiz. Er würde jedenfalls nicht stempeln gehen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Marke Steyr ist ein Stück österreichische Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Siegfried Wolf ließ sich vor einem "Steyr-Baby" fotografieren - das war der Kosename des legendären Kleinwagens mit der offiziellen Bezeichnung "Steyr 50", eine Art "österreichischer Volkswagen".

Ich habe vor Jahren mit Hinweis auf einen Buchbeitrag meines Kollegen Hermann Schlösser geschrieben, dass Bert Brecht ein leidenschaftlicher Autofahrer war. Am Anfang seiner Karriere, vor dem Erfolg mit der "Dreigroschenoper", machte er mehreren Automobilkonzernen ein Angebot: "Biete Werbegedicht, suche Straßenkreuzer." Ford und Dodge lehnten ab, Steyr ging darauf ein. So entstand das Reklamegedicht "Singende Steyrwägen": "Wir stammen / Aus einer Waffenfabrik / Unser kleiner Bruder ist / Der Mannlicherstutzen. / Unsere Mutter aber / Eine steyrische Erzgrube / (...) Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. / Unser Motor ist: / Ein denkendes Erz. // Mensch, fahre uns!!" Mit einer geringfügigen Zuzahlung durfte Brecht das Luxusauto erwerben. Steyr hat das Werbegedicht nicht verwendet.

Es gibt noch einen zweiten Teil der Geschichte. Am Pfingstmontag des Jahres 1929 baut Brecht unweit von Fulda mit 70 Kilometer pro Stunde einen Unfall. Um einem entgegenkommenden Lkw auszuweichen, muss er das Steyr-Cabrio verreißen, das Auto droht eine Böschung hinabzustürzen. Da kracht Brecht lieber an einen Baum.

Nun muss er den Reklametrick ein zweites Mal anwenden. Er veröffentlicht einen Unfallbericht im Ullstein-Monatsmagazin "Uhu" mit "Beweisfotos", um zu zeigen, dass Steyr ein Auto baut, in dem man einen schweren Unfall überlebt. Die Firma spendiert ihm wieder einen Wagen, dieses Mal das stärkere Modell XX, ebenfalls ein Cabriolet.

Nachdem im März 1933 Brechts Steyr XX von der SA beschlagnahmt worden war, kaufte er sich im Exil in Dänemark einen Ford - aus den Honoraren der "Dreigroschenoper". Diesen Wagen beschrieb er in einem Gedicht für seine Kinder so: "Ford hat ein Auto gebaut / das fährt ein wenig laut. / Es ist nicht wasserdicht / und fährt auch manchmal nicht."

Als Brecht irgendwann in der Zwischenkriegszeit in einem Gespräch mit Elias Canetti provokant damit prahlte, dass er ein Gedicht über Steyr-Autos geschrieben hatte und dafür ein Steyr-Auto bekam, hielt Canetti dieses Verhalten für verachtenswert. Aber der Kapitalismuskritiker Brecht hatte eine klare Linie: Solange kein gescheiter Sozialismus zu haben ist, lassen wir es uns im Kapitalismus gutgehen. "Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm." Das ist ein Zitat aus der "Dreigroschenoper".