Ich stehe akut unter dem Eindruck einer TV-Serie, die mir vage Erinnerungen meiner Jugend bleischwer zurück ins Bewusstsein brachte. "Chernobyl", von HBO in Auftrag gegeben und dieser Tage in einem Rutsch auch vom ORF ausgestrahlt, beschreibt die Umstände und Folgen der Nuklearkatastrophe vom April 1986, die nicht nur tausendfachen Tod und Leid über die Bevölkerung brachte. Die Tragödie trug nach Einschätzung von Michail Gorbatschow maßgeblich zum Untergang der Sowjetunion bei.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
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Besonders anschaulich wird in dieser filmischen Inszenierung, die bildgewaltig das Zeit- und Lokalkolorit des russischen Alltags der 1980er Jahre wieder auferstehen lässt, das Schicksal der sogenannten Liquidatoren: Feuerwehrmänner, Soldaten, Bergleute und technische Hilfskräfte, die bei den Rettungs- und Aufräumungsarbeiten so hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt waren, dass sie nach ihrem Einsatz oft nur mehr wenige Tage zu leben hatten. Weil Roboter versagten, schickte man Menschen - die man zynischerweise Bioroboter nannte - ins Feuer. Sie retteten mit ihrem heroischen (oder auch nur tödlich naiven) Einsatz Millionen das Überleben. Kleine Befehlsempfänger mussten ausbaden, was vermeintlich große Staatsmänner, Funktionäre und Wissenschafter verbockt hatten. Aus Feigheit, Opportunismus, Unfähigkeit und Staatsräson, um die Dinge beim Namen zu nennen.

Um die Aufarbeitung des Atomunfalls hintanzuhalten, erhöhte die sowjetische Gesundheitsbehörde einfach im Nachhinein die zulässigen Strahlenwerte um das 40- bis 50-Fache. Und beschönigte die Spätfolgen. Das macht auch den speziellen Horror von "Chernobyl" aus: Die Realität ist weit verstörender als jede Fiktion, der Mensch als ewige Schwachstelle wird regelrecht vorgeführt. Als der Computer bei einem hoch riskanten Testlauf eine letzte Warnung ausspuckt, wird er aus karrieristischen Gründen "overruled", also übergangen. Erst langsam dämmert dem Personal (und damit sind nicht nur die weißbemützten Experten und Zauberlehrlinge der Kraftwerk-Zentrale gemeint), was ihnen blüht. In einem engeren Umkreis von 30 Kilometern, die heute noch Sperrgebiet sind, aber letztlich in halb Europa. Ich erinnere mich an Gesundheitsminister Franz Kreuzer im Fernsehen und Ö3-Sondersendungen, die Rudi Klausnitzer moderierte: Chefsache. Und daran, dass man in Österreich behördlicherseits gerade einmal davor warnte, Pilze zu pflücken. Und darauf hinwies, dass man tunlichst die Schuhsohlen vom Fallout säubern sollte.

Es gibt sie nicht nur in Science-Fiction-Filmen: Technologien, die das Tor zur Hölle öffnen. Der Mensch in seinem Wahn, alles beherrschen zu wollen und vermeintlich auch zu können, überhebt sich bei der Atomspaltung potenziell gewaltig. Dieser Tage etwa sollen Millionen Tonnen an kontaminiertem Wasser, das sich nach dem Reaktorunglück in Fukushima in Japan 2011 ansammelte, ins Meer entsorgt werden. Der Widerstand ist groß. Freilich gab und gibt es auch Fortschritte zu verzeichnen - und eventuell tragen sicherere (?) Kernfusionskraftwerke zum Überleben der Menschheit bei. Zumindest in der Theorie. Die Zukunft gehört den Biorobotern.