Was man bei all den Diskussionen über das Warum und Woher, das Wieso und Weshalb, das Was und Wie der Entstehung und Verbreitung von Verschwörungsmythen gerne mal vergisst, ist, dass diese sehr unlogischen Erzählungen einen großen Unterhaltungswert besitzen. Selbst in Zeiten, in denen sich alle Akteure des Nachrichtenbetriebs anstrengen die zu "News" verkommenen Informationen möglichst "fresh" und "hip" aufzubereiten, sind die Meldungen im Kern dann doch stets das, was sie sind: traurig, etwas deprimierend und banal. Ein Verschwörungsmythos dagegen kann die Welt bunter machen. Aufregender, interessanter, fantastischer. Ist die Bedrohung ein nanometergroßes Halblebewesen, dass von Tier zum Menschen übergesprungen ist und sich nun unkontrolliert verbreitet und mutiert? Hmmm . . .

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Oder ist die Bedrohung eine Geheimwaffe, erfunden von Reptilienwesen und einem Software-Millionär, die das Blut von Kindern trinken und die Welt beherrschen wollen?

Na? Was klingt spannender?

Wie wenn sich ein Paar abends für einen Film entscheiden muss: Das Popcorn ist fertig, die Getränke sind gekühlt, das Sofa ist vorgewärmt. Und was schauen wir uns jetzt an? Eine gut gemachte Doku über die Zerstörung der letzten Urwälder für die Gewinnung von Palmöl, das dann in Gesichtscremes und Schokoaufstrichen landet? Oder doch den Fantasythriller, in dem Robert Pattinson (aka "der Mann ohne Talent") und Nicole Kidman (aka "die Frau ohne Gesicht") als verliebte Cyborgs den Angriff von Außerirdischen abwehren müssen? Na? Die Doku? Eh kloa. Würde ich auch nehmen. Aber es gibt eben auch andere Menschen . . .

Wie schön es sein kann, der grausamen Banalität des Alltags zu entfliehen, hat kürzlich der Tierschutzverein in Krakau erfahren. Eine Frau klagte am Telefon, dass seit zwei Tagen in einem Fliederbaum vor ihrem Haus ein "mysteriöses" Wesen lauere. "Die Menschen öffnen ihre Fenster nicht, weil sie Angst haben, dass es in ihr Haus kommt", sagte die verzweifelte Anruferin. Zuerst vermutete man einen Raubvogel, die Anruferin glaubte an einen Leguan. Bei ihrem Eintreffen stellten die Tierschützer jedoch fest, dass das Tier weder Beine noch einen Kopf hatte - und dass es gar kein Tier war, sondern ein Croissant.

Da fällt einem natürlich ein, dass Krakau nicht nur die alte Königsstadt Polens ist, sondern auch jene Stadt, in der Karl Woytila gewirkt hat. Der Mann, der als Papst mit seiner Abneigung gegenüber Kondomen zur Verbreitung von Aids und zur Überbevölkerung beigetragen hat. Und heute gilt ja Krakau und Umgebung als eine Hochburg der PiS-Partei, in der man sich gerne mal streitet, ob man EU-Hilfen annehmen soll oder ob dann alle schwul werden. Und dann fällt einem auch gleich Gilbert Keith Chesterton ein, der einmal gesagt hat: "Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an jeden Unsinn." Und so wird es kommen, dass die große Bedrohung, die uns alle vernichten wird, gesteuert von Bilderbergern, Netflix, dem homosexuellen Darth Vader und dem Tierschutzverein bald ihre Maske fallen lassen wird. Dann sieht man, was sie ist: eine Krakauer. Also Wurst.