Die Ruine der "Villa dei papiri" in Herculaneum (fotografiert im Jahr 2000). - © Erik Anderson, CC BY-SA 3.0
Die Ruine der "Villa dei papiri" in Herculaneum (fotografiert im Jahr 2000). - © Erik Anderson, CC BY-SA 3.0

Die beiden Männer hatten offenbar eine Vorliebe für prächtige Villen in bester Lage. Und das nötige Kleingeld, um sich so ziemlich jeden Traum verwirklichen zu können. Die Rede ist vom amerikanischen Ölmagnaten Jean Paul Getty, zu Lebzeiten der mutmaßlich reichste Mensch der Welt, der für seine umfangreiche Antikensammlung an der Pazifikküste eine Villa im römischen Stil nachbauen ließ, und von jenem hochgestellten Römer, der sich im 1. Jh. v. Chr. ein weitläufiges Domizil in Herculaneum am Golf von Neapel leisten konnte, das Getty als Vorlage für sein Museum diente.

Diese Villa wurde beim Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. von Lavamassen verschüttet, was allerdings auch zu einer gewissen Konservierung ihrer Innenausstattung führte. Ein Glücksfall für die Ausgräber, die ursprünglich eher Schatzsucher als Forscher waren. Als man um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit gezielten Grabungen begann, legte man nämlich nicht das gesamte Gebäude frei, sondern trieb nur einzelne Tunnel voran, um wertvolle Kunstschätze zu finden - mit Erfolg: Zur prachtvollen Ausstattung der Villa gehörten Skulpturen, Gemälde und Mosaiken, die heute im Nationalmuseum von Neapel bewundert werden können.

Vor allem die mehr als achtzig Skulpturen, meist Kopien griechischer Werke, sind von immenser Bedeutung. Hervorzuheben sind etwa die Nachbildungen des Kopfes des polykletischen Doryphoros (signiert vom Athener Apollonios) und einer Amazone des Phidias. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Porträtbüsten, darunter die des altgriechischen Philosophen Epikur; und genau dieser stellt eine Verbindung zu jenem bedeutsamen Fund her, der ursprünglich ganz unspektakulär aussah. In einem der Räume förderten die Arbeiter verkohlte Bündel zutage, die man erst später als Papyrusrollen identifizierte und so vor der Vernichtung bewahrte. Daher erhielt die Villa den Namen "Villa dei papiri".

Erste Versuche des Studiums dieses antiken Wissensschatzes gab es schon im 18. und 19. Jh. - aufgrund der starken Zerstörung der Schriftträger mit mäßigem Erfolg. Erst in jüngster Zeit können Forscher in den USA und in Europa mit Hilfe neuester technischer Mittel den Inhalt der Schriftrollen sichtbar machen. Bei den Funden handelt es sich um philosophische Werke, die mit den Lehren Epikurs in Verbindung stehen und auf einen gewissen Philodemos von Gadara zurückgehen dürften.

Die in Herculaneum gefundenen Schriften des epikureischen Philosophen aus dem Gebiet des heutigen Jordanien befassen sich - ganz im Sinne der breit gefassten Definition von Philosophie in der Antike - mit einem Spektrum von unterschiedlichen Themen, darunter Musik, Rhetorik und Ethik.