Unter dem pathetischen Titel "Jeder Mensch" veröffentlichte der Schriftsteller und Jurist Ferdinand von Schirach kürzlich eine "Ergänzung" zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Neue Zeiten erfordern neue, einklagbare Rechte. Dazu zählt Schirach das Recht jedes Menschen, in einer intakten Umwelt zu leben, das Recht auf digitale Selbstbestimmung, das Recht, von Amtsträgern stets nur die Wahrheit zu erfahren, und das Recht, nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten zu bekommen, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden. Die Begeisterung ob dieses Katalogs ist groß, die Liste der Unterzeichner dieser Forderungen wird europaweit jeden Tag länger. Durchdringt man den medialen Nebel der Euphorie, kommt etwas ganz anderes zum Vorschein: Ein Zeitgeist, der auf prompte Wunscherfüllung drängt, für die andere zuständig sind. Die Lust an der inflationären Verkündigung zusätzlicher Rechte korrespondiert mit einem fatalen Hang zu einer neuen selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die gelobte Proklamation neuer Menschenrechte ist Ausdruck einer ziemlich infantilen Haltung.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Seit den Formulierungen der Menschenrechte im späten
18. Jahrhundert, auf die sich Schirach nicht uneitel bezieht, da einer seiner Vorvorfahren involviert gewesen war, wurden diese ohnehin stets erweitert. Mittlerweile unterscheidet man mehrere Generationen von Menschenrechten, die ihren Charakter unter der Hand deutlich gewandelt haben. Aus fundamentalen Abwehrrechten gegenüber staatlicher Gewalt und Willkür wurden ausufernde Anspruchsrechte, für deren Einlösung ein paternalistisch gedachter Staat verantwortlich gemacht werden soll. Aus dem Recht der Bürger, nach ihrem Glück zu streben, wurde längst die Pflicht des Staates, für dieses Glück zu sorgen. Dass in einer Demokratie die Bürger selbst diesen Staat ausmachen und deshalb solche Forderungen an sich selbst adressieren müssten, wird gerne vergessen.

Die Einsicht, dass es keine Rechte ohne Pflichten gibt, wird heute ziemlich einseitig interpretiert: Die Rechte des einen sind stets die Pflichten des anderen. Wenn ich das Recht habe, nur mit moralisch einwandfreien Produkten versorgt zu werden, haben andere die Pflicht, dies sicherzustellen. Hinter manchen Forderungen steht deshalb der unbewusste Wille, Verantwortung einfach abzuschieben. Warum hat Schirach seine Idee zu einem zeitgemäßen Umgang des Menschen mit sich und der Natur nicht als Pflichtenkatalog formuliert? Jeder Mensch hat die Pflicht, durch sein Verhalten einen Beitrag zu einer intakten Umwelt zu leisten. Jeder Mensch hat die Pflicht, Amtsträgern gegenüber ehrlich zu sein, z.B. bei Einkommensteuererklärungen, um damit seinen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Der Erfolg solch einer Verlautbarung moderner Menschenpflichten wäre sehr überschaubar gewesen.

Wohlmeinend kann man dieser Proklamation Naivität aus Menschenfreundlichkeit unterstellen. Wer so unbekümmert mit Begriffen wie "Wahrheit" umgeht, hat entweder darüber noch nie nachgedacht oder streut den Menschen bewusst Sand in die Augen. Schon Immanuel Kant hat lakonisch darauf aufmerksam gemacht, dass man von niemandem verlangen kann, die "Wahrheit" zu sagen, da sich diese so leicht einfach nicht eruieren lässt. Bestenfalls kann man "Wahrhaftigkeit" einfordern. Amtsträger müssten dann sagen, was sie für wahr halten. An dieser Stelle könnte man anmerken, dass wir das manchmal lieber gar nicht wissen wollen. Doch Einwände kümmern die eifrigen Verkünder wenig. Wie wäre es mit einem Recht, von solch unausgegorenen Entwürfen verschont zu bleiben?