Ja, ich kenn’ mich auch nicht mehr aus. Wobei "nicht mehr" euphemistisch ist. Ich hab’ mich eigentlich noch nie ausgekannt. Seit Jahren tapse ich wie ein Braunbär mit Augenbinde auf der verzweifelten Suche nach einem Topf Honig durch mein Leben: blind, gierig und immer der Nase nach. Aber ich bin nicht nur Bär, sondern auch Sokratiker: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich hatte noch nie "mein Leben im Griff" oder konnte "mein Ding machen". Das mag von Nachteil sein (weil man dann auch nicht auf die tollen Partys eingeladen wird, wo sich all die wichtigen Menschen treffen, die jeden Tag das gesamte Universum auf die Reihe kriegen) - in einer Pandemie ist es, philosophisch betrachtet, sichtlich ein Vorteil.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Denn es ist für diverse Homines sapientes zurzeit sichtlich ein Problem zu akzeptieren, dass es Systeme außerhalb des menschlichen Wirkungsbereichs gibt. Und dann sagen sie: "Die Regierung soll . . ." Bei allem Verständnis für Menschen, die von den Maßnahmen der Pandemiebekämpfung schwer betroffen sind (ich bin ja selbst einer), bin ich dann doch verwundert, wie sehr die Leute narrisch werden ob der eigenen - und allgemeinen - Hilflosigkeit. Ich bin das gewohnt. Ich hab’ ja den Topf mit dem Honig immer noch nicht gefunden.

Manchmal gesellt sich noch blankes naturwissenschaftliches Unvermögen dazu. Wenn früher jemand schlecht in Biologie und Wahrscheinlichkeitsrechnung war, nannte man das "wahrscheinlich sprachlich begabt". Heute heißt das bisweilen "Querdenker". Das Fach gab’s früher gar nicht. Wenn wir uns aber jetzt vorstellen, was da im 21. Jahrhundert noch alles auf uns zukommt an Bedrohungen, die sich dem Wirkungsbereich des Menschen entziehen (Klimawandel?), muss das psychologisch aufgefangen werden. Am besten müssen schon jetzt zahlreiche Verleugnungsstrategien entwickelt werden, damit wir rechtzeitig den Menschen einen Ausweg in die Irrationalität - oder zumindest in stumpfen, unproduktiven Groll - anbieten können. Es braucht eine "Europäische Initiative für eingebildete Realität" ("E.I.F.E.R."), die nach der Pandemiemüdigkeit noch ganz anderes im Angebot hat:

Der Antialpinismus: "Warum muss ich, wenn ich nach Italien will, durch die Scheiß-Berge? Das ist doch eine Verschwörung der Bilderberger! Bild! Berg! Na? Klingelt’s? Also, weg mit dem Steinhaufen!"

Der Misomigrantismus: "Dass die Menschen die Beine zum Gehen benutzen, ist eine Erfindung einer jüdischen Sekte aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus. Die Beine sind eigentlich dazu gedacht, um beim germanischen Herumliegen etwas mehr Reibungswiderstand zu haben. Bewegung ist unnatürlich. Ich hab’ mich seit 30 Jahren nicht aus meinem Fernsehsessel bewegt. Und jetzt? - Jetzt komm’ ich nicht mehr raus."

Alterungsantipathie: "Ich war vor 15 Jahren 33, jetzt bin ich 48, hab ich was dazu getan? Nein. Wollte ich das? Nein. Das sind internationale mathematische Mächte, die mich künstlich altern lassen. Am Ende werden wir noch alle sterben!"

Was geht noch? Sind wir nicht auch von der Kontinentaldrift gelangweilt? Von der Ekliptik enttäuscht? Von der Evolution entnervt? Schicken Sie ihre Vorschläge an "E.I.F.E.R."

Und vergessen Sie die Regierung. Die kennt sich ja auch nicht aus.