Als ich 2004 das Buch "Österreichisches Deutsch" herausbrachte, war das Echo groß. Ich zeigte anhand von mehr als tausend Beispielen, "wie wir uns von unserem großen Nachbarn unterscheiden" - so der Untertitel. Ich konnte mich damals auf das von einem Duisburger Wissenschafter ausgearbeitet Konzept der "Plurizentrik" stützen. Demnach hat die deutsche Hochsprache, genauso wie das Englische, mehrere gleichwertige Zentren: das bundesdeutsche Deutsch, das österreichische Deutsch und das schweizerische Deutsch. Zuvor herrschte eine Art Sprachkolonialismus: Das bundesdeutsche Deutsch galt als Zentrum, wir, an der Peripherie, wurden zu einer "Abweichung von der Norm" degradiert. Ausdrücke wie "Marille" und "heuer", die in Deutschland nicht verwendet werden, bei uns aber zur Hochsprache gehören, galten daher als "österreichischer Dialekt".

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Sogar die ZiB hatte sich für das Thema interessiert, ich wurde ausführlich interviewt. Gespannt schaltete ich um 19.30 Uhr den Fernseher ein - und sah bei der Ankündigung des Beitrags nicht mein "Österreichisches Deutsch", sondern das Cover des "Rechtschreib-Dudens"! Wenig später entschuldigte sich die Redakteurin telefonisch bei mir. Der Beitrag sei in letzter Minute fertiggestellt worden, deshalb habe ein anderes Buch als Platzhalter gedient. In der Eile sei der Platzhalter nicht durch das richtige Cover ersetzt worden, ein Versehen also. So wird es auch gewesen sein. Ich wusste, dass die Redakteurin meinem Anliegen wohlwollend gegenüberstand.

Jetzt hat der kanadische Universitätsprofessor Stefan Dollinger, ein gebürtiger Oberösterreicher, viel umfassender als ich den Hintergrund der Thematik beschrieben. Das Buch heißt "Österreichisches Deutsch oder Deutsch in Österreich?" und ist im Wiener Wissenschaftsverlag New Academic Press erschienen. Es ist ein Streifzug durch die Sprachgeschichte, nicht im Wissenschaftsjargon verfasst, sondern locker geschrieben, um ein großes Publikum zu erreichen.

Ich greife ein Thema heraus, das laut Dollinger zeigt, wie das Konzept der Plurizentrik und damit das österreichische Deutsch in Frage gestellt wird - nicht aus Versehen, sondern mit Absicht. Einige deutsche Germanisten, die inzwischen in Österreich Lehrstühle besetzen, arbeiten an dem Spezialforschungsbereich "Deutsch in Österreich" - es wird mit sechs Millionen Euro vom österreichischen Wissenschaftsfonds finanziert. Dollinger zeigt anhand von Zitaten aus früheren Arbeiten der vorwiegend deutschen Projektbetreiber, dass sie das Konzept "österreichisches Deutsch" ablehnen und stattdessen die regionalen Besonderheiten innerhalb des deutschen Sprachraums in den Vordergrund rücken - nicht aus Böswilligkeit, "sondern weil deren Sozialisation und Ausbildung" dem Konzept einer nationalen Varietät entgegensteht.

Dollinger weist darauf hin, dass Sprache auch kulturelle Identität schafft, und er befürchtet, dass mit Mitteln des österreichischen Steuerzahlers das Rad der Geschichte zurückgedreht werden soll. Ob er recht hat? Ich warte gespannt auf die Endberichte des Projekts "Deutsch in Österreich".