Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Der Sport hat bekanntlich eine Vorliebe für Superlative. Immer höher, immer schneller, immer weiter, immer größer, immer verrückter usw. Also fangen wir gleich mit einem an: Vor uns liegen die wohl absurdesten Sportgroßereignisse aller Zeiten. In ein paar Wochen soll eine paneuropäische Fußball-EM über die Bühne gehen, für die die UEFA schon jetzt Garantien der Spielorte haben will, dass auf alle Fälle Zuschauer in den Stadien zugelassen werden.

Während die Kultur coronabedingt absäuft und der Herd im Beisl kalt bleibt, brät sich der Fußball eine Extrawurst. Kurz darauf sollen tausende Sportler und Betreuer (auf der Überholspur geimpft) nach Tokio reisen, auf dass sich dort die Jugend der Welt zu den Olympischen Sommerspielen versammelt. Die Japaner sind zwar in überwältigender Mehrheit dafür, das Ganze wegen Corona abzublasen, aber das IOC hat sich von solchen kleinlichen Einwänden noch nie beirren lassen.

Doch es geht noch verrückter: Im Februar nächsten Jahres wird der bekannte Wintersportort Peking endlich die Olympischen Winterspiele austragen, und im Dezember 2022 erreicht die Absurdität dann ihren Höhepunkt: Kurz vor Weihnachten wird im Fußballmekka Katar der neue Fußballweltmeister gekürt. Eigentlich wollte man ja im Sommer spielen, aber wer konnte schon wissen, dass es um diese Jahreszeit für Freiluftsport deutlich zu heiß ist im Emirat?

Von Boykott ist viel die Rede in diesen Tagen, aber wenn’s drauf ankommt, will dann doch lieber keiner (wäre ja schade um die Sponsorengelder). Und so werde ich meine eigene kleine Boykottbewegung ins Leben rufen. Fernsehübertragungsboykott! Sportseitenboykott in der Zeitung! Kein Wort drüber verlieren! Totales Desinteresse! Während der EM werde ich die Fahne eines Nichtteilnehmerlands aus dem Fenster hängen (wobei: Die österreichische kann ich diesmal gar nicht nehmen ...), und wenn im Pekinger Umland die Langläufer und Alpinen auf dem vermutlich künstlichsten Schnee aller Zeiten unterwegs sind, werde ich mir auf YouTube alte Fernsehbilder anschauen: Finnen mit vereisten Bärten durch tief verschneite Wälder hechelnd, die schönsten Stürze auf der Streif.

Und ich wette: Mein Verhalten wird die Sportoberen zur Einsicht zwingen, dass es so nicht weitergeht. Vor mir, dem einzig aufrechten Boykotteur, werden sie zu Kreuze kriechen, die Bosse von IOC, FIFA und UEFA, und um Vergebung für ihren Größenwahn betteln. Naja, gut, das mag etwas ambitioniert sein, aber irgendwie muss man die eigene Bedeutungslosigkeit ja ein wenig kaschieren. Und wie ginge das besser als mit Superlativen? Der Sport zeigt, wie’s geht.