Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Dichter Nebel besucht Tante Auguri, die aber endlich mal den kleinen verschmutzten Rainer waschen muss und keine Zeit hat. So ging das los vor 20 Jahren, an einem Abend, der alles andere als ernsthaft war und doch den ernsthaften Vorsatz gebar, so wie etwa der Dadaismus durch den Superlativ vorgeblicher Sinnlosigkeit vergangenen Epochen den Spiegel vorgehalten hatte, endlich das absolut unterste Niveau zu erreichen, um es der Unterhaltungsindustrie so richtig zu zeigen und in schönster Adorno’scher Dialektik der Aufklärung eine treffsichere Analyse durch die Zerstörung jeglichen Sinnes - oder um es so zu sagen: Jeder sollte jeden Tag mindestens einen Satz zu dieser Nonsense-Story beisteuern, der aus dem Totengrund der Blödheit eine intellektuelle Subversion sprießen ließ, nun ja, Sie wissen schon. Die Bewegung, drunter sollte es nicht gehen, hatte auch schon einen Namen: Nonsensualisten.

Viel Zeit ist vergangen seit damals, um noch einmal den alten Spruch aus den Western der späten 60er zu bemühen, den viele Protagonisten an den Anfang einer Suada stellten, in der sie ausgiebigst referierten, was alles in dieser Zeit als Folge der Bösartigkeit des Adressaten dieser Weisheit, dass eben viel Zeit vergangen sei seit damals, geschehen war und wofür sie nun bittere Rache üben würden. Dieser Plan hatte meist nur geringe Realisierungschancen. Denn während geredet wurde und geredet, tauchte die Kavallerie auf.

So ging es auch uns. Wir redeten zwar, aber zu lange. Und dann obsiegte die Vernunft oder das, was wir dafür hielten. Es hatte ja all die anderen gegeben, wie gesagt, die Dadaisten, die Surrealisten und Pataphysiker, Insterburg & Co oder Monty Python, Autoren wie Robert Gernhardt und Zeitschriften wie "Pardon". Trotzdem hatte es niemand erreicht, Nonsense durch Nonsense zu stoppen. Hätten wir es erreicht? Das lässt sich nicht beantworten.

Denn zehntausende unsinniger Sätze sind niemals formuliert worden. Einige Ideen sickerten dem "Redaktionsteam" anfangs noch zu, schöne Ideen mit tiefem Hintersinn, wenn man es genau betrachtet, "Keiner wäscht Rainer" und Derartiges, dann immer weniger und dann nichts mehr. Und so erstarb die Bewegung, ohne je eine gewesen zu sein. Wir waren vermutlich zu früh. Denn der Schwachsinn bahnte sich durchaus Wege, leider selten als kritische Kunstform. Im Gegenteil: Er etablierte sich als neue Normalität, kaschiert gar als Wissenschaftsalternative oder Philosophie, wo umgekehrt das ernsthafte Argument der Lächerlichkeit preisgegeben und sogar ein Wort wie Querdenker auf den Kopf gestellt wurde.

Das alles besprachen wir neulich, zwei nostalgische Überlebende der Idee, bei einem doppelten Mokka, der aber in keiner Weise unseren Ansprüchen genügte. Also sagte mein Gegenüber, man solle eine Bewegung gegen so etwas gründen, den Namen hätte er schon: Espressionisten. Gibt’s längst, erwiderte ich, diesmal sind wir zu spät.