Unlängst fahre ich zu einer Kreuzung, halte an und biege rechts ab. Da springt ein Polizist auf die Straße und winkt mich zur Seite. "Sie haben die Stopptafel missachtet!" - "Nein, ich habe gestoppt." - "Aber Sie sind nicht bis zur Haltelinie vorgefahren. Sind Sie mit 30 Euro einverstanden?"

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Tags darauf habe ich mir die Kreuzung genau angesehen. Der Polizist spähte hinter einer Hausmauer hervor. Von dort konnte er wohl nicht erkannt haben, ob alle Räder zum Stillstand kamen. Aber er sah, dass ich nicht bis zur Haltelinie vorfuhr, die absurderweise so weit in die Kreuzung hineinragt, dass man als Abbieger kaum noch die Kurve kriegt.

Ich denke in solchen Fällen an Erwin Ringel. Der Individualpsychologe riet dem ungerecht Bestraften zum Perspektivenwechsel: "Du bist doch goldig dran: Du fährst da mit dem Auto. Stell dir vor, wie der andere dran ist. Der steht da den ganzen Tag hinter einer Ecke und lauert auf dich. Na, was ist das für ein trauriger Beruf." Und schon zahlt man gerne 30 Euro. Dabei wolle er nichts gegen die Polizei sagen. "Es gibt viele wunderbare Polizisten, mit denen man sich menschlich verständigen kann."

Ich zitiere hier aus einem Vortrag Ringels, den Text nahm ich seinerzeit in meine Anthologie mit dem ironischen Titel "Freiheit mit hundert PS" auf. Was Ringel vor rund drei Jahrzehnten formulierte, ist noch immer gültig: "Unsere Erziehung trägt dazu bei, das Selbstwertgefühl der Kinder zu beeinträchtigen, sodass sie Minderwertigkeitskomplexe bekommen. Aus diesen resultiert später das Geltungsbedürfnis." Daher müsse das Auto oft sehr groß sein, ein Glanzstück, mit dem man Eindruck schinden kann. Ringel: "Ich persönlich bin der Meinung, dass es ein Symptom ist, wenn man einen Mercedes fährt. Das ist ein Ausdruck des Geltenwollens und Geltenmüssens um jeden Preis, wobei ich gar nicht bestreiten will, dass der Mercedes als Auto seine besonderen Vorzüge hat."

Heute könnte man "Mercedes" durch "Tesla" ersetzen, denn diese teuren Elektroautos beschleunigen großartig und erfüllen damit eine weitere These Ringels: "Das Autofahren ist deshalb für den Autofahrer so faszinierend, weil er dabei einen Geschwindigkeitsrausch erlebt. ,Ich kann aufdrehen, wie ich will.‘ Der Wettkampf des Lebens wird symbolisch dargestellt: Ich will überholen! Ich muss in diesem Wettlauf unter allen Umständen Sieger bleiben!"

Wir haben im Deutschen das Wort "entgegenkommen". "Ich komme dir entgegen" bedeutet: "Ich habe für dich Verständnis. Ich will auf dich Rücksicht nehmen." Im Straßenverkehr hat das Wort "der Entgegenkommende" eine ganz andere Bedeutung. Er stellt für die anderen eine Gefahr dar, vor allem dann, wenn er seine Aggression im Fahrstil ausdrückt.

Erwin Ringel, der 1948 in Wien das weltweit erste Suizidpräventionszentrum aufgebaut hatte, kritisierte immer wieder, dass manche Autofahrer bewusst ihr Leben aufs Spiel setzen: Geht’s gut, ist’s gut, geht’s schlecht, ist’s auch gut. Dann ist das Auto ein Selbstmordinstrument - wobei oft Unschuldige mit in den Tod gerissen werden.

Erwin Ringel wäre vor wenigen Tagen hundert Jahre alt geworden.