Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Unlängst kam ich auf der Gasse an zwei Männern vorbei, die sich angeregt unterhielten. Der einzige Satz, den ich aufschnappte, lautete: "Ohne Scheibenwischer schafft er 240." Unweit von den beiden stand ein Auto, das per knallorangem Kabel mit der Zapfsäule einer Elektrotankstelle verbunden war. Also, man sagt natürlich in diesem Fall nicht Tankstelle, sondern Ladestation; die erste Bezeichnung gehört zur veralteten Begriffswelt eines überholten Konzepts namens "Menschen steuern benzinbetriebene Fahrzeuge durch die Gegend", die zweite steht für den Aufbruch in ein neues, umweltbewussteres Zeitalter.

Mit größter Wahrscheinlichkeit hatte sich die Konversation der beiden Männer nicht um eine Höchstgeschwindigkeit gedreht - 240 km/h schafft ein Wagen bei entsprechender PS-Zahl auch mit Scheibenwischern -, sondern um die Reichweite eines E-Autos. Und sofort sah ich unseren Urlaub vor mir, als man Hotels noch ohne Gesichtsmaske und negativen Corona-Test betreten durfte: Im Sommer zwei Wochen per E-Auto durch Österreich. Ein echtes Abenteuer.

Zunächst legten wir die Reiseroute und vor allem die Nächtigungsorte in enger Übereinstimmung mit der ominösen Reichweite des Wagens fest. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der vom Hersteller vorsichtig mit der Einschränkung "bis zu" angegebenen Kilometeranzahl und der bei ordnungsgemäßem Gebrauch des Fahrzeugs erzielbaren. Wie wir erkannten, stimmen diese beiden Werte möglicherweise dann überein, wenn man ohne Licht, also ausschließlich bei Tag, ohne zu blinken, also immer geradeaus, ohne das Radio einzuschalten, also auf den Verkehrsfunk verzichtend, und ohne die Klimaanlage einzuschalten, also zünftig transpirierend, vor allem aber mit reduzierter Geschwindigkeit - ja nicht das Tempolimit ausreizen! - dahingondelt. Alles andere vermindert die versprochene Reichweite gewaltig. Tipp: Kurzer Test inkl. Blinken und andere Extras und hochrechnen.

Darüber hinaus spielt die Existenz einer, wir wissen es nun, Ladestation am Zielort eine große Rolle: Ist sie vorhanden, klappt die Stromzufuhr im Allgemeinen schnell, will heißen: Innerhalb von einigen Stunden. Hängt man das Auto an die Steckdose eines netten Gastwirts, wie wir es einmal tun durften, dauert es eine ganze Nacht. Da muss man sich als benzingetriebener Autofahrer schon umstellen.

Was wir bei jedem Anfahren aber sofort bemerkten: Das Ding geht ab wie eine Rakete. Das hat beim Abbiegen auf der Landstraße zweifellos Vorteile, und es steigert das Renommee ungemein. Als wir bei einem Zwischenstopp unser E-Gefährt verließen und auf eine Gruppe biederer Mariazell-Pilger trafen, bemerkte ein Wallfahrer anerkennend: "Mit dem lassen S’ an der Kreuzung jeden Porsche stehen." Stimmt. Reduziert halt wiederum die Reichweite. Zu ebendieser ein kleiner Nachtrag: Regnen sollte es besser auch nicht, siehe "ohne Scheibenwischer schafft er".