Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Dass das Erziehen von Kleinkindern eine Herausforderung ist, an der viele Eltern scheitern, hat im Wesentlichen zwei Ursachen. Erstens: Die menschliche Domestikation - ein aufwendiger Prozess, der zehntausende Jahre in Anspruch nahm und nach Meinung vieler noch längst nicht abgeschlossen ist (zumindest solange nicht der letzte Mann im Sitzen pinkelt) - muss bei jedem Heranwachsenden individuell und innerhalb weniger Jahre aufs Neue durchgeführt werden. Die zweite Komplikation ergibt sich aus der Geschwindigkeit und Intensität, mit der Kinder Beziehungen durchleben. Höhen und Tiefen des Zusammenseins, die Erwachsene erst im Lauf vieler Jahre beschreiten, erleben Kinder an einem einzigen Tag. Was ganz schön anstrengend sein kann.

Wie sich so eine Beziehung im Zeitraffer ereignet, durfte ich vor kurzem beim Besuch im Wochenendhaus eines guten Freundes erleben. Die Tochter des Freundes und mein Sohn sind annähernd gleich alt. Ihr schwieriges Miteinander bestimmte den Verlauf des Wochenendes. Während wir Väter staunend zusahen, entfaltete sich in und um den ehemaligen Bauernhof ein Mini-Drama menschlicher Beziehungen. Zaghaftes Kennenlernen, große Neugier, spontane Zuneigung, Herzklopfen vielleicht, auch aufkeimendes Vertrauen, Gemeinschaftsgefühl, Leidenschaft und Euphorie, gefolgt von Enttäuschung, Kränkung und Bruch. Dann Versöhnung, und alles wieder von vorne. Am besten funktionierte das Miteinander noch beim Abpassen-Spielen - jenem Klassiker aus Verstecken und Fangen, der sich so wunderbar zum Erkunden wilder Gärten eignet. Hier verbündeten sich die beiden jungen Menschen gegen ihre Väter, die tollpatschig und ungelenk hinter Holzstapeln kauerten.

Beim Radfahren trübte dann übertriebener Ehrgeiz die Stimmung, als mein Sohn - nachdem ihm endlich ein Überholmanöver gelungen war - seine Spielgefährtin fast in den Graben drängte. Beim Baumklettern und Blumenpflücken spitzte sich die Lage weiter zu, bis sie beim Ziegenfüttern eskalierte. Nur so viel sei gesagt, dass Brennnesseln eine Rolle spielten, eine süße Babyziege und ein Griff in den falschen Grasbeutel.

Wir Väter bewahrten weitgehend die Ruhe. Als wir die Komplexität der kindlichen Beziehung und den Bedarf kontinuierlicher Betreuung und Mediation erfassten, etablierten wir einen mehrstufigen Prozess der Intervention und eine Art Schichtdienst: "Jetzt bist du wieder dran, ich trinke noch mein Bier aus."

Am Ende des Papa-Wochenendes reisten wir erschöpft, aber auch stolz nach Hause zurück. Zum Abschied schenkten sich die beiden jungen Wilden (fast) ein Lächeln. Quasi Sieg der Zivilisation.