Die Aufregung ist groß. Eine erkleckliche Zahl prominenter deutscher und österreichischer Schauspieler stellte ironisch gemeinte Kurzvideos ins Netz, in denen die amtlichen Corona-Maßnahmen kritisiert werden. Das dafür eingesetzte wenig originelle Stilmittel ist immer das gleiche: die groteske Übertreibung. Einige Beiträge sind wirklich witzig, andere bescheiden, manche plump und dumm - wie das so ist, wenn sich viele einer Sache annehmen. In Summe war das wohl entbehrlich. Man hätte es bei solchen Einschätzungen bewenden lassen können, vielleicht versehen mit dem Hinweis, dass die Aktion, war sie denn ernst gemeint, reichlich spät kommt. Immerhin schwärmen mittlerweile alle Politiker vom Impffortschritt, verkünden rasante Öffnungen und einen unbeschwerten Sommer. Stattdessen: eine hysterische Diskussion, die jedes Maß verloren hat.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Wer die herrschende Debattenunkultur kennt, hatte allerdings damit gerechnet. Dass die Kritik an dieser Initiative schrill ausfallen würde, war wenig überraschend. In einer Zeit, in der nicht mehr argumentiert, sondern Unliebsames einfach entfernt wird, war es naheliegend, den Akteuren mit Berufsverboten und Boykotten zu drohen. Zu etwas anderem ist der moralisierende Zeitgeist gar nicht fähig. Dass diese unselige Praxis einer enthemmten Cancel Culture nun aber Publikumslieblinge trifft, die ansonsten gewohnt sind, stets auf der richtigen Seite der Weltgeschichte zu stehen, ist nicht ohne Ironie. Verschreckt haben viele ihre Clips sofort zurückgezogen und geben sich zerknirscht, beugen sich dem ersten Shitstorm, der über sie hereinbricht. Haltung sieht anders aus. Wenn sie von der Sinnhaftigkeit ihres Anliegens überzeugt sind, sollte doch das übliche Femegericht der sozialen Medien auszuhalten sein.

Dieses Einknicken lässt tief blicken. Gerade jene, die sonst keine Probleme damit haben, anderen vorzuwerfen, zu wenig Widerstand geleistet zu haben, geben bei dem ersten Anflug von Kritik klein bei und üben sich in demonstrativer Reue - als wäre es ein Schauprozess. Dazu kommt, dass der Beifall von der "falschen" Seite angeblich viele irritiert hat. Warum eigentlich? Dieser war einerseits vorhersehbar gewesen, andererseits könnte man schon fragen, was daran so schlimm sein soll. Darf es nicht sein, dass man in einem Punkt Zustimmung von jemandem bekommt, dem man ansonsten politisch in jeder Hinsicht fernsteht?

Haben Schauspieler, die mit den ambivalenten und zerrissenen Figuren des Welttheaters vertraut sein sollten, so wenig vom Menschen begriffen, dass sie es nicht mehr wagen, auf dem Uneindeutigen, auf Grau- und Zwischentöne zu beharren? Die Verteidiger dieser holprigen Satire wollen die Zustimmung von Rechts nicht als Gegenargument gelten lassen. Einverstanden. Das sollte dann aber ebenso für ernsthaftere Debatten, etwa in Bezug auf die Migrationspolitik oder die Auseinandersetzung mit dem politischen Islam, gelten. Die Chancen dafür stehen eher schlecht: Es ist einfach zu bequem, sich das Denken durch reflexartige Zuordnungen zu ersparen.

Dieser Sturm im Wasserglas medialer Selbstüberschätzung hat dennoch sein Gutes. Der Glaube, dass Künstler in gesellschaftspolitischen Fragen außergewöhnlich sensibel seien und als Mahner, Warner und Gewissen der Nation auftreten müssten, ist damit diskreditiert. Wie jeder andere Bürger können sie sich politisch äußern - in welche Richtung auch immer. Eine besondere Bedeutung als moralische Instanz kommt ihnen jedoch nicht zu. Die rasche Öffnung der Bühnen ist nun schon deshalb zu fordern, damit die Mimen wieder jene Rollen spielen können, die sie vielleicht besser beherrschen.