Dass heute vor einer Woche - also am 1. Mai - der Tag der Arbeit war, ist wahrscheinlich jeder und jedem bewusst. Dass der 2. Mai der Tag der Arbeitslosen war, ist wahrscheinlich vielen entgangen. Dafür ist er heuer mit dem Weltlachtag zusammengefallen, was schön ist, weil Arbeitslose sonst nicht viel zu lachen haben.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Und auch sonst ist der Mai gut bestückt mit Feier- und Gedenktagen: Der Muttertag ist heuer am 9. Mai - also schnell ein Gedicht auswendig lernen! Am 10. Mai folgt gleich der Tag des Schlaganfalls (hoffentlich nicht hervorgerufen durch schlecht aufgesagte Gedichte). Und der 4. Mai war nicht nur "Star Wars"-Tag ("May the fourth"), sondern obendrein Tag des Passworts (bitte nehmen Sie nicht "Skywalker", das wäre zu einfach). Aber es gibt auch Tage, die in der Zwischenzeit ihre Bedeutung eingebüßt haben: Der 5. Mai ist der Tag der Handhygiene. Den brauchen wir nicht mehr. Wir haben seit dem 13. März 2020 das Zeitalter der Handhygiene.

Aber es gibt auch Wesentliches: 3. Mai - der internationale Tag der Pressefreiheit. Und der ist in Zeiten, in denen weltweit, aber auch in Europa (Malta, Slowakei, Russland . . . um nur einige zu nennen) Journalisten wegen ihrer Arbeit umgebracht werden, mehr als angebracht. In Zeiten Sozialer Netzwerke sei aber auch darauf hingewiesen, dass mit der Pressefreiheit zwar die Meinungsfreiheit mitgemeint ist, dies dennoch kein Freibrief ist, "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!" quer durch das Internet zu brüllen.

Denn das Problem mit der Meinungsfreiheit ist, dass sie manche mit der Freiheit von Widerspruch verwechseln. Und ein weiteres, dass eine Meinungsdiktatur droht. Also nicht die Diktatur einer bestimmten Meinung, wie die cerebral-herausgeforderten G’wehr-Denker (haben alle ein G’wehr zuhause, daher der Name) beklagen, sondern die Diktatur der Interaktion, der Kommentarspalten, Postings und Threads: Jede und jeder muss eine Meinung haben - und zwar zu allem.

Pensionisten sprechen über Klimawandel, Frauen über Prostatakrebs, Männer geben Tipps für die Geburtsvorbereitung, Hundehalter wissen alles über Kindererziehung, Austria-Fans möchten etwas über Fußball sagen. Jeder hat eine Meinung. Aber wozu? Wo bleibt das gute, alte und befreiende "Keine Ahnung! Mir egal. Davon hab ich keinen blassen Schimmer. Ich interessiere mich nur für Balkonpflanzen. Is des wichtig? Powidl! Wuascht!"? Aus und vorbei! Alle brauchen eine Meinung.

Das überfordert viele, und dann ziehen sie sich eine Meinung aus dem Internet. Und das sind schlechte Meinungen, gebrauchte, abgetragene, Second-Hand-Meinungen, recycelte Haltungen, mit Infos von vorgestern versehene Standpunkte, in Fabriken ohne Luft und Licht bei miserablen Arbeitsbedingungen von unterbezahlten russischen und chinesischen Bots hergestellte zusammengeflickte Meinungsfrankensteins . . . da muss man aussteigen. Das darf man nicht unterstützen, diese Ausbeutung lohnunabhängiger Logarithmen und unbeteiligter, gar nicht so intelligenter, künstlicher Intelligenzen.

Deshalb ab jetzt einfach einmal sagen: "Ich weiß es nicht." Vier Worte, die das Leben leichter machen. Und dann kann man sich treffen und heute - am 8. Mai - den Tag der Befreiung feiern.

Und den sollte man ordentlich feiern. Meiner Meinung nach.