Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Bei dieser Pandemie geht es offenbar nicht nur um effiziente Impf- und Gesundheitspolitik, es geht auch um das goldene Leistungsabzeichen beim Impfen und Ärmelhochkrempeln. Jedenfalls wird uns das so vermittelt: Israel war lange Zeit Impfweltmeister, ex aequo mit Großbritannien, dann holte Chile auf und setzte sich an die Spitze, indem es täglich 1,37 Dosen pro 100 Einwohner impfte und Israel bloß 1,02.

Ein lang unterschätzter Titelanwärter war Bhutan, das 60 Prozent seiner Bürger innerhalb von neun Tagen bzw. 93 Prozent innerhalb von 16 Tagen impfte. Ins Spiel um die vordersten Ränge brachten sich auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Gibraltar, das noch Ende April ganz oben auf der Impfhitliste stand. Bahrain, die USA, Finnland und Serbien hielten ebenfalls mit. Deutschland war auch schon Impfweltmeister, aber nur in einem schnell wieder gelöschten Tweet der Union, bei dem in der Statistik alle Länder weggelassen worden waren, die vor Deutschland rangierten. Tatsächlich holt es auf, genau wie Österreich. Den Weltmeistertitel werden wir aber nicht mehr holen können. Nun liegt wieder Israel ganz vorne, oder auch nicht, das Ranking ändert sich ständig.

Neben den effizientesten Impfern werden auch in folgenden Disziplinen Sieger ermittelt: Wer hat am schnellsten bestellt? Wer am besten? Wer hat am schnellsten verteilt, wer am besten? Innerhalb der Nation gibt es dazu noch das Bundesländer-, Bezirks- und Gemeinderanking - und das Ranking über den Gartenzaun, denn mittlerweile macht sich der Rang-Sieg-Niederlage-Diskurs auch in der Bevölkerung breit.

Dass es Impfversager gibt, weiß die Medizin schon längst, diese sogenannten Non-Responder bilden nach einer korrekt gegebenen Impfung keine oder zumindest nicht ausreichend Antikörper. Aber jetzt ist man auch dann ein Impfversager, wenn man bisher trotz guten Willens noch keine Impfung erhalten hat: "Was? Noch nicht einmal eine Verständigung? Kennst du denn niemanden?" Doch, man kennt sie, die Familien, bei denen alle bereits durchgeimpft sind, vom Opa bis zu den Goldfischen. Möglicherweise hat sich nicht jeder von ihnen in der Reihe dort angestellt, wo er hingehört. Aber deshalb nervös werden? Na ja, vielleicht ein bisschen.

Dann erhält man tatsächlich ein Impfangebot, was sich wie ein Erfolgserlebnis anfühlt, aber schon geht es wieder los: "Hast du dieses mittelmäßige Zeug mit dem Akzeptanzproblem oder den Edelstich bekommen?" Auch wenn man die Qualitätsunterschiede selbst für nicht besonders relevant hält, kommt man sich bei Ersterem wie ein Impfjunkie vor, der sich alles aufschwatzen lässt, bei Zweiterem wie ein Privilegienritter: "Den Edelstich? Hast du Beziehungen?"

Allerdings ist jeder schnelle Erfolg willkommen angesichts der Leistungskurven des Virus, das im Wettbewerb um die erfolgsträchtigste Mutation leider auch nicht schlecht abschneidet.