Immun ist man in diesen Tagen gerne. Die einen sind immun gegen das Virus, weil sie es entweder gerade überlebt haben oder geimpft worden sind. Andere wieder sind immun gegen Sachargumente, weshalb sie die Impfung ablehnen. Die sind dann quasi immun gegen Immunisierung. Und das ist umso erstaunlicher, da so eine Immunantwort ja auch zu Heuschnupfen führen kann. Also Allergie. Immunität ist also etwas sehr Persönliches.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Persönlicher ist eigentlich nur die Imanität. Die beschreibt die eigene Meinung im Land des Konjunktivs (I maan, i tät...), aber das führt zu weit.

Fest steht: Jeder ist gegen etwas anderes immun. Der Autor dieser Zeilen ist etwa immun gegen Strafzettel und Führerscheinentzug. In Ermangelung eines Kfz und seiner Lenkungslizenz kann man mir diese logischerweise auch nicht wegnehmen. Dafür kann man mir das Fahrrad entwenden. Andere Länder, andere Immunitäten. Lange hat man geglaubt, das heilige Land Tirol wäre immun. Und zwar gegen Ratschläge, Vernunft und die Übernahme von Verantwortung. Aber dann haben sich langsam Abwehrkräfte aufgebaut und plötzlich eine Immunantwort auf den Gesundheitslandesrat gefunden.

Das Finanzministerium wiederum ist absolut immun gegen die Digitalisierung. Wie sonst kann man sich erklären, dass tausende E-Mails an den parlamentarischen Untersuchungsausschuss geliefert werden - auf Papier. Im Jahr 2021. Vielleicht deshalb, weil die letzten funktionierenden Festplatten im Sommer 2019 geschreddert . . . nein, das kann nicht sein. Die waren ja aus dem Kanzleramt. Egal, das Bundesministerium für Finanzen lässt in einem auf jeden Fall schon Ideen keimen, wie man seine nächste Steuererklärung abgeben möchte: Auf sehr vielen kleinen Zetteln?

Womit wir bei der staatlich garantierten Immunität wären. Nicht in Sachen Gesundheit, sondern in Sachen Strafverfolgung. Jeder Abgeordnete genießt ja die Immunität. Und genießen kann man da durchaus wörtlich verstehen. Das heißt jetzt nicht, dass man sich diese Immunantwort als eine international gebräuchliche Geste eines erhobenen Mittelfingers vorstellen muss, nein, aber die ÖVP, also die Liste Kurz, die ist schon extrem immun. Gegen Vorwürfe. Ja, die perlen an der einfach ab.

Ermittlungen gegen den aktuellen und zwei ehemalige Finanzminister, gegen einen ehemaligen Justizminister, gegen die frühere stellvertretende Parteichefin, gegen den ÖVP-nahen Chef der halbstaatlichen Industrie-Holding und gegen den Kabinettschef des Bundeskanzlers und Parteiobmanns und . . ? Nichts. Da bleibt nichts picken. Das ist diese unglaubliche Immunität der Volkspartei. Und woher hat sie die, wenn nicht von ihrem Chef?

Von ihm lernt sie, wie man auch nach 35 Jahren Regierungsverantwortung auf den Ballhausplatz marschiert, als hätte man eben erst aus den sanften Waldviertler Hügeln von Meidling unter einem Stern das Licht der Welt erblickt. Die hohle Phrase der "Unschuldsvermutung" wird bei diesem Kanzler zur eisernen "Unschuldsgewissheit". Schaut ihn doch an. Kann diese Frisur lügen?

Nein und deshalb kann er auch nicht wissentlich die Unwahrheit gesagt haben im Untersuchungsausschuss. Dagegen ist er nämlich immun.

Oder er hat eine Allergie: gegen Untersuchungsausschüsse.