Wörter ändern sich, so wie sich auch die Zeiten ändern. Wir neigen dazu, die Sprache als einen fixen Zustand zu betrachten. In der Tat ist sie einem permanenten Wandel unterworfen. Laufend sterben Wörter aus, laufend entstehen neue. In Summe werden es immer mehr. Außerdem kann sich auch die Bedeutung der Wörter verändern. Die Sprachwissenschaft konstatiert in einer diachronen, also historischen Betrachtungsweise, Bedeutungsverbesserungen und Bedeutungsverschlechterungen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

So bezeichnete das althochdeutsche Wort marah-scalc einen Rossknecht, das moderne Marschall ist ein hoher militärischer Rang. Bedeutungsverbesserungen, auch Melioration genannt, sind allerdings eher selten. Häufiger sind Bedeutungsverschlechterungen, Pejorationen. Als klassisches Beispiel dient hiefür das Wort Dirne. Das Vorläuferwort diorna hat im Althochdeutschen junges Mädchen bedeutet, ein neutraler Ausdruck. In der Zeit des Mittelalters fand eine Funktionalisierung statt: Mittelhochdeutsch dierne bezeichnete eine junge Dienerin, eine Magd. Seit dem 16. Jahrhundert ist Dirne das Wort für eine Prostituierte. Nur in den Mundarten lebt die alte Bedeutung weiter. Wir sagen anerkennend über ein junges Mädchen: Das ist ein fesches Dirndl!

Solche Veränderungen ziehen sich meist über mehrere Jahrzehnte. Wie atemberaubend schnell geht hingegen die heutige Bedeutungsverschlechterung beim Wort Querdenker vor sich. Bis vor kurzem haben wird damit einen kritischen und klugen Kopf bezeichnet, der innerhalb seiner politischen Gruppierung ohne Tabus Vorschläge macht, die den festgefahrenen internen Meinungen widersprechen. Ich nenne zwei Beispiele: In der SPÖ gilt Bruno Aigner, Pressesprecher von Bundespräsident Heinz Fischer, als Querdenker. Er prangerte in Zeitungsartikeln Fehlentwicklungen seiner Partei an und schlug neue strategische Ausrichtungen vor. Eine ähnliche Rolle spielte in der ÖVP der steirische Landtagsabgeordnete und Hochschulprofessor Bernd Schilcher.

Mit der Corona-Pandemie hat das Wort Querdenker eine neue Bedeutung und einen Hautgout bekommen. Verschwörungstheoretiker haben sich des Ausdrucks bemächtigt. Das kam so: In Stuttgart wurde im Frühjahr 2020 unter der Bezeichnung "Querdenken 711" gegen die Corona-Regeln und für Grundrechte demonstriert - 0711 ist die Telefonvorwahl von Stuttgart. Seither agitieren selbsternannte "Querdenker" gegen alle Maßnahmen, die Leben retten sollen - oft unter dem Vorwand, dass sie die Grundrechte wiederherstellen wollen, die zu Zeiten der Pandemie zwangsläufig eingeschränkt sind.

Während die Querdenker alten Schlags in ihrer eigenen Bewegung einen Umdenkprozess herbeiführen wollten, richten sich die Argumente der neuen "Querdenker" gegen "das System" insgesamt. Sie wollen das Vertrauen in die Regierungen, in die Wissenschaft, in die Gesundheitssysteme und in die Medien erschüttern, mit Fake-News, deren Inhalt leicht zu widerlegen ist. Ihre Anhänger stört das wenig, sie halten an den oftmals äußerst absurden Fehlmeinungen fest. Eigentlich schade, dass man heutzutage nicht mehr mit Stolz von sich behaupten kann: "Ich bin ein Querdenker."