In der vorvorigen Woche hatte der Rundfunksender Österreich 1 sein Programm durchgängig dem Thema "Jugend" gewidmet. Man hörte Analysen, Reportagen, Porträts - und auch von Jugendlichen selbst gestaltete und moderierte Sendungen. Dabei erfuhr man von teils konformen, teils völlig unterschiedlichen Lebenswelten, Einstellungen und Präferenzen, wenn es etwa um Politik, Umwelt, Beziehungen und den - bei dieser Generation quasi angeborenen - Umgang mit sozialen Medien ging.

Als gebürtiger Hütteldorfer auch mit Meidlinger und Ottakringer L-auten vertraut: Gerald Schmickl.
Als gebürtiger Hütteldorfer auch mit Meidlinger und Ottakringer L-auten vertraut: Gerald Schmickl.

Auffallend war aber vor allem eine Übereinstimmung: Ausnahmslos alle sprachen hochdeutsch. Kein Piefkenesisch, sondern so ein leicht drolliges, vor allem Vokale und Diphthonge speziell akzentuierendes Deutsch, dem eine gewisse Aura von Altklugheit eignet. Es klingt immer ein bissl gescheiter, als es - also vorwiegend der Inhalt - oftmals ist. Kaum dialektale Einfärbungen, hie und da ganz feine oberösterreichische Anklänge, manchmal ein Hauch von Tirolerisch oder ein gedehntes "aaa" aus carinthischem Umland. Praktisch nie hörte man Wienerisch. Das scheint unter den Jungen auszusterben. Ein lässig linguales "L" gilt als uncool und kommt - als sei es auch sprechtechnisch mittlerweile verunmöglicht - keiner und keinem mehr über die Lippen, nicht nur nicht in Meidling.

Als sich diese "Lautverschiebung" vor rund zwei Jahrzehnten abzuzeichnen begann, hat man hauptsächlich das deutsche Privatfernsehen dafür verantwortlich gemacht, das den Jugendlichen - anders als noch der "Mundl"-artige ORF in früheren Tagen - diese Art von "Hochdeutsch" (so "tief" es mitunter ist) quasi antrainiert. Heute schauen die Jungen aber nicht einmal mehr Privat-TV. Da geben in erster Linie Kanäle wie YouTube den Ton an. Und auch dort herrscht dieses putzige und leicht sterile Einheitsdeutsch vor.

Dem Liedermacher und Sänger Ernst Molden, der sein gepflegtes Wienerisch bei seiner Hernalser Großmutter gelernt hat (und nicht bei der - von seiner Vaterseite her stammenden - Bundeshymnendichterin Paula Preradovic), ist diese Hochsprache nicht geheuer - und sie ist ihm beim Schreiben und Singen sogar im Weg, wie er kürzlich in einem "Falter"-Interview verriet: "Ein Wort wie ,gegangen‘ haut dir jeden Songtext zusammen. Kaum sagt man ,gaungan‘, ist es schon im Ton."

Ja, in der Musik feiert das Wienerische "fröhliche Urständ’" und eine beachtliche Renaissance. Eine immer größer werdende Anzahl von Interpreten - von Voodoo Jürgens über die Strottern, den Nino, das Trio Lepschi bis zu Martin Spengler & die foischn Wiener - widmet sich dem Wiener Liedgut in diversen kreativen Spielarten.

Damit haben wir aber eine gegenläufige Entwicklung: Das Wienerische wird immer musikalischer und musealer, während es im alltäglichen Gebrauch, zumindest bei den Jungen, verschwindet. Da braucht es - um die Zungen der Nachwachsenden wieder weicher und "l"-schlüpfriger zu machen - didaktische Gegenmaßnahmen: Molden & Mundl im Präsenzunterricht! Bis die Schüler akzentfrei sagen können: "Schleichts eich mit dem Schas!"