Unter dem Titel "Wahrheit und Politik" veröffentlichte die Philosophin Hannah Arendt im Jahre 1967 einen Essay, aus dem in diesen Tagen gerne zitiert wird. Wenig Beachtung findet dabei allerdings Arendts Beobachtung, dass "Wahrhaftigkeit niemals zu den politischen Tugenden zählte und die Lüge immer als ein erlaubtes Mittel in der Politik galt". Nicht alle haben dies so offen ausgesprochen wie Niccolò Machiavelli, der die Lüge für legitim hielt, wenn sie dem Machterhalt (das ist die böse Variante) oder dem Wohl des Volkes (das ist die gute Variante) diente. Dass mit der Wahrheit in der Politik, in der es um Machtansprüche, um den Kampf zwischen Meinungen und Ideologien geht, wenig zu erreichen ist, mag ein Gemeinplatz sein. Dennoch überrascht stets aufs Neue, mit welcher Verve ausgerechnet in diesem Feld Ehrlichkeit eingefordert und die Lüge als der große Sündenfall gebrandmarkt wird.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Über die moralische Bewertung der Lüge herrscht alles andere als Einigkeit. Und dies gilt nicht nur für die Politik. Wirklich konsequent vertraten lediglich Augustinus und Immanuel Kant die Auffassung, dass es unter keinen Umständen erlaubt sein könne, zu lügen, da damit der menschlichen Kommunikation, die auf Vertrauen beruht, der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Andere sahen die Dinge etwas lockerer, wollten zumindest, wie Kants Zeitgenosse Benjamin Constant, die Notlüge "aus Menschenliebe" gestatten. Noch weiter ging Arthur Schopenhauer: Die Lüge kann ein Mittel sein, um sich gegen Angriffe zu wehren und der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Vor allem aber ist für den großen Pessimisten das bloße Verweigern einer Aussage kein Unrecht. Wer schweigt, lügt nicht. Manchen wird das gar nicht gefallen.

Braucht die Macht die Lüge? Ja, weil es kein Leben ohne Lüge gibt. So sah dies zumindest Friedrich Nietzsche. Um an der Welt nicht zu verzweifeln, zeichnen wir von dieser ein geschöntes und verkürztes Bild, das unseren Interessen entspricht. Und nicht selten verschließen wir die Augen vor einer Wahrheit, die unsere Ideale konterkariert und von der wir fürchten, dass sie womöglich in falsche Hände gerät. Damit belügen wir uns selbst.

Nietzsche war natürlich kein Verächter der Lüge, eher im Gegenteil: Erst die Lüge macht die Menschen kreativ, stachelt ihre Fantasie und ihr Denkvermögen an. Lügner müssen einfallsreich sein, sie dürfen sich nicht in Widersprüche verwickeln, ihre Geschichten sollten plausibel klingen und sie benötigen ein tadelloses und geschultes Gedächtnis. Ihr Medium ist nicht die plumpe, leicht durchschaubare Unwahrheit, sondern das Spiel mit Wahrscheinlichkeiten, Halbwahrheiten, Übertreibungen, Auslassungen und Zweideutigkeiten. Das hatte schon Sokrates dazu gebracht, den raffinierten Lügner Odysseus für fähiger und besser zu halten als den wahrhaftigen, aber einfältigen Achill.

Der Lügner hat immer einen Vorsprung: Er kennt auch die Wahrheit. Alle anderen tappen im Dunklen. Aus dieser starken Position des Lügners rührt unsere Lust, diesen letztlich doch noch zu überführen. All unseren Scharfsinn wenden wir auf, um Ungereimtheiten und Erinnerungslücken aufzuspüren, wir sammeln fleißig Indizien, um die Wirklichkeit selbst gegen die vermeintliche Falschaussage in den Zeugenstand zu rufen. So versuchen wir, den Lügner in die Enge zu treiben. Fruchtet das nicht, mangelt es an Beweisen, achten wir auf verräterische Signale: das Zittern in der Stimme, die Bewegung der Hände, den unsteten Blick, das plötzliche Erröten der Wangen, die Verwendung von Phrasen und unscharfen Begriffen. Möglich, dass sich ein Lügner dadurch tatsächlich verrät. Aber dann war es ein Anfänger.