Mit dem Schuljahr 2023/24 bekommen Volks- und Mittelschulen sowie AHS neue Lehrpläne. Diese sollen zwar erst im Herbst vorliegen, doch bereits jetzt ist ein Streit über die Umbenennung von Schulfächern ausgebrochen. Unter anderem soll das Fach "Musikerziehung" in "Musik" umbenannt werden, "Bildnerische Erziehung" in "Kunst und Gestaltung", ferner "Technisches und Textiles Werken" in "Technik und Werken". Im Grunde geht es nur um Überschriften, aber ich halte die Änderungen für vernünftig. Auch sprachlich haut bei den alten Bezeichnungen einiges nicht hin: Wie kann man "zur Musik erzogen werden"?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Kaum hat der Unterrichtsminister das Vorhaben öffentlich gemacht, meldete sich die Gewerkschaft der Pflichtschullehrer zu Wort: "Diese Art der Namensänderung ist für uns weder verständlich noch nachvollziehbar, hat eine eigenartige Signalwirkung und wird daher in dieser Form von der Gewerkschaft mit Nachdruck abgelehnt." In der Sprache der Kartenspieler würde man das als ein Kontra gegen die Ansage des Ministers bezeichnen.

Aber von der AGMÖ, einer Interessenvertretung der Musikpädagogen, kam prompt ein Rekontra. Es handle sich bei der Umbenennung "um eine wohl überlegte, gut begründbare und jahrzehntelange Forderung der musikpädagogischen Community" - gemeint ist wohl Gemeinde. Aus Sicht der AGMÖ sei es wesentlich, die Kernidee des Unterrichtsgegenstandes endlich in den Mittelpunkt der Bezeichnung zu rücken, nämlich die "Musik". Schließlich gäbe es auch in anderen Fächern keine Bezeichnungen mit dem Anhang "-erziehung". Niemand werde für "Mathematik-Erziehung", "Englisch-Erziehung" oder "Physik-Erziehung" als Gegenstandsbezeichnung eintreten.

Das ist ein gutes Argument, aber dann wird es ein wenig kurios: "Darüber hinaus ist der Begriff der Musikerziehung und der musischen Erziehung durch das NS-Regime belastet und muss auch aus diesem Grund nicht fortgeführt werden."

Wirklich? Wir alle wissen, wie die nationalsozialistische Erziehung im schulischen und im außerschulischen Bereich funktioniert hat. Ziel war es, die sogenannte "arische" Jugend zu "rassenbewussten Volksgenossen" zu formen, "ihre jugendlichen Körper zu stählen". Die Schule war nach Ansicht Adolf Hitlers vor allem eine Vorstufe zum Wehrdienst. Im Hinblick auf die Kriegsvorbereitung der Schüler wurde der Flugzeugmodellbau, angekoppelt an das Fach Physik, eingeführt. Der Modellbau sollte bei den Jungen die Begeisterung für das Fliegen und damit für die Luftwaffe wecken. Eine ähnliche verborgene Zielsetzung hatte die Seidenraupenzucht, die in den Schulen eingeführt wurde. Die erzeugte Seide sollte die Produktion von Fallschirmen für die Fallschirmspringer und die Luftwaffenpiloten unterstützen. Ich bin zu jung, das erlebt zu haben, aber so wie ich kann es jeder auf Wikipedia nachlesen.

Trotzdem sollten wir uns das Wort Erziehung nicht von den Nazis wegnehmen lassen. Gab es in den Sechzigerjahren nicht auch eine "antiautoritäre Erziehung"? Na, bitte.

Ich habe dann übrigens nachgesehen, wofür die Abkürzung AGMÖ eigentlich steht: Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung Österreich.