Früher federten wir, die damals Jungen, sportelnd an den Sitzbänken der Volksgärten vorüber und bemitleideten die, die damals alt waren. Denn die saßen da, tagaus, tagein oder auch umgekehrt, und tauschten medizinische Bulletins aus, deren Gültigkeit vor allem durch die Kenntnis von Einzelfällen belegt wurde, Einzelfällen, deren Leidtragende in der Regel aus der Verwandtschaft stammten.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Dass die Ärzte oft, wenn ich mich recht an die mitgehörten Gespräche erinnere, als unkundige fünfte Kolonne einer realitätsfernen Medizinwissenschaft galten und "eh nie was finden", zählte zu den rituellen Elementen dieses Wettbewerbs in Hinfälligkeit. Ausnahmen waren Menschen, deren Leben ihren Gepflogenheiten zum Trotz (Rauchen, Heurigenbesuche, Verweigerung sportlicher Aktivitäten, ein unglaubliches körperliches Arbeitspensum) komischerweise immer hundert Jahre währte. Kennengelernt habe ich von dieser Spezies nie einen, sie waren alle schon hingeschieden.

Früher also. Nun aber, nach einem doch schon recht ausgedehnten Erfahrungsverlauf und den Einflüsterungen von Internisten und anderem Stammpersonal der medizinischen Betreuung einer eher dynamischeren Alterungs-Kohorte, findet man die virtuos von Marketing-Experten so genannten "neuen Alten" nicht mehr auf den Parkbänken, allenfalls stehend davor, durch Dehnungsübungen nach einem Halbmarathon verbogen.

Doch die Lust am Austausch kleinster Zeichen der Vergänglichkeit ist nicht aus der Welt. Nun sind es allerdings nicht mehr Alte, die Stunden und Tage in den Volksgärten sitzen, sondern junge Leute, die Tage und Wochen in einschlägigen Foren angstvoll kleinste Symptome schildern und nicht selten in Panik geraten, weil diese kleinsten Symptome ja doch durchaus schwache Signale des nahenden Endes sein könnten, ach was: mit Sicherheit sind.

Sehr beliebt waren bisher Bläschen im Mund, Hämatome an den unmöglichsten Stellen, Streifen auf Fingernägeln und die Causa "Mückenstich oder Hautkrebs?". Doch nun dominiert eine Frage, von einem nicht minder umfangreichen Bulletin begleitet als ehedem auf den noch legitim besetzen Parkbänken: Ist das jetzt nur eine Erkältung oder doch schon Corona?

Eines aber hat sich fundamental geändert: Während damals die Gespräche - wie schon vermerkt - doch sehr oft nach den als enttäuschend empfundenen Arztbesuchen einsetzten, scheint auf den virtuellen Parkbänken eine unglaubliche Angst vorÄrzten zu grassieren, sodass zuerst auf die Schwarmintelligenz gleichartig Betroffener gesetzt wird.

Die meistgepostete Information aus dieser Echokammer lautet: "In der Regel ist es nichts Schlimmes." Dann aber stößt man auf Stimmen, die beschriebenen Malaisen könnten allerdings auch "Symptome unterschiedlicher Erkrankungen sein". Und so folgt, was folgen muss: der Hinweis, doch einen Arzt zu konsultieren. Das Ergebnis kann man dann ja vielleicht wieder auf der Parkbank anzweifeln.