Wenn ich in meiner Gasse aus dem Fenster schaue, dann sehe ich gleich gegenüber eine seit geraumer Zeit leerstehende 300-Quadratmeter-Wohnung und einige Stockwerke darunter das Paradies des Bobos. Die leerstehende 300-Quadratmeter-Wohnung gehört einem leicht verwahrlost wirkenden Immobilien-Erben, der alle heiligen Zeiten vorbeischaut, um bei weit geöffnetem Fenster möglichst laut Klavier zu spielen, der Bobo bin ich. Ein bourgeoiser Bohemien, der beim Branntweiner begonnen hat und gelandet ist in der Gasse der Kaffeeröster und Baguettebesitzer.

Mein Nachbar und ich führen eine korrekte Beziehung miteinander. Erstens sehen wir uns kaum und zweitens lege ich jedes Mal sofort die Sex Pistols auf, wenn er mit seinen Klaviertiraden kommt. Das gibt eine schöne Beschallung auf der Straße und ist auch gleich wieder vorbei, weil auf Dauer ist diese Kombination für beide Seiten nur schwer zu ertragen.
Wenn mein Nachbar von der Straße gegenüber gerade nicht Klavier spielt, schwimmt er im Geld. Warum sonst würde er die Riesenbude leerstehen lassen? Nicht einmal Mozart hatte eine 300-Quadratmeter-Wohnung nur für sein Klavier allein. Mein Nachbar schon.

Sonst nicht viel los bei uns. Mit der Pandemie ist es gemütlich geworden in der Gasse der Reichen. Das haben längst auch die Obdachlosen bemerkt. Gerne kommen sie aus anderen Bezirken zu uns. Die Bank im Schatten des großen Baums vorm französischen Bäcker ist ihr Hauptquartier geworden. Hier lassen sie den Doppler kreisen und knurren sich dabei in einer Sprache an, die dem Bobo nicht geläufig ist. Das hat er nicht gelernt im Gymnasium.

Mir gefällt es gut, dass die Sandler es bei uns so schön und gemütlich haben. Meistens trudeln sie am späten Vormittag ein. Wo sie ihre Nächte verbringen, weiß ich nicht. Es ist eine reine Herrengruppe. Damen sind nur sehr selten dabei.
Gestern sind sie zu spät gekommen. Auf der Bank, wo seit Wochen der billige Weißwein das Maß aller Dinge ist, hatten sich Bobos zum Brunch niedergelassen. Es gab Champagner und Gänseleber und viel Gelächter. Die Obdachlosen standen abseits und schauten giftig in die Gegend. Wie wenn du frühmorgens im Cluburlaub das Badetuch des Deutschen auf deiner Poolliege findest. Genau dieser Blick war das. Ich hätte sie gerne um einen Schluck aus der Flasche gefragt. Aber dann habe ich mich doch nicht getraut.