Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Falls Sie darauf gehofft hatten, dies werde die erste Glosse, in der Corona nicht mehr vorkommt, so muss ich Sie enttäuschen. Die Pandemie mag in den Augen einiger weniger bereits vorbei sein, aber daran glaube ich persönlich erst, wenn die letzte Maske gefallen und die letzte Spritze gesetzt ist. Und das kann noch dauern. Und wer weiß - als Themenspender wird uns dieses Virus vielleicht sogar noch fehlen.

Aber egal. Mir ist jedenfalls aufgefallen, dass Corona uns Dinge tun ließ, die wir nie zuvor getan hatten. Und damit meine ich nicht das, wozu uns die Regierungen verdonnerten (Maskentragen, Kontaktbeschränkungen usw.). Sondern das, was wir mangels gewohnter Möglichkeiten plötzlich taten oder tun zu müssen glaubten. Spazierengehen zum Beispiel. Ich persönlich betreibe dieses Hobby schon seit Ewigkeiten, aber in den letzten Monaten sind mir so viele Menschen wie noch nie begegnet, denen man förmlich ansah, dass dies eine für sie ungewohnte Fortbewegungsart ist.

Oder Sport. Sicher, ein paar Unentwegte sahen sich weiter diese trostlosen Geisterfußballspiele an, aber wer auf sich hielt, suchte sich neue Sportarten, die ohne Zuschauer genauso gut funktionieren. Snooker zum Beispiel. Seit Corona bin ich Experte auf diesem Feld: Frameball, Century Break, Total Clearance, Touching Ball - all das geht mir mühelos über die Lippen, und die Größen dieses wahrhaft genialen Sports kenne ich inzwischen natürlich auch alle. Als jüngst in Sheffield die Weltmeisterschaft stattfand, war ich fast ein wenig verärgert darüber, dass plötzlich wieder Zuschauer im Saal saßen und mit ihrem Applaus die Stille und das sanfte Klacken der Kugeln störten.

Und auch mein Fernsehverhalten hat sich völlig verändert. Streamen ist selbstverständlich geworden, und so schaue ich mir jetzt Dinge an, für die ich mich früher geschämt hätte. Den "Bergdoktor" zum Beispiel. Jüngst stolperte ich über die 10. Staffel und war förmlich elektrisiert, als im Vorspann "Buch: Philipp Roth" zu lesen war. Dass der berühmte Schriftsteller und Nie-Nobelpreisträger Philip R. sich nur mit einem P schreibt, hatte wohl jemand übersehen, und so erfreute ich mich in einem Anfall von Binge Watching an Dr. Martin Grubers unglücklichem Liebesleben und all den seltenen Krankheiten, die sich nur ein wirklich großer Literat ausdenken kann.

Das also hatte der 2018 verstorbene Philip Roth in seinen letzten Lebensjahren getan - "Portnoys Beschwerden" an den Wilden Kaiser verlegt. Jetzt harre ich der neuen Staffel, die gerade gedreht wird, und frage mich natürlich, wer nun die Drehbücher zu dieser großen Saga schreibt - Jonathan Franzen? Norbert Gstrein? Oder doch nur Stefanie Sargnagel?