Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Reisewarnungen, Tests, Quarantäne, die drei G - einfach wird’s auch in diesem Sommer mit einem Auslandsurlaub nicht werden. Da haben es diejenigen ein wenig besser, die bereits auf eine längere Lebenszeit zurückblicken können und einen Schatz an Reise-Erinnerungen besitzen. Sogar daran, dass wir - viele erstmals nach überstandener Matura - an der Grenze zu Deutschland, Italien oder Ungarn ein Personaldokument vorweisen mussten, das je nach Land kaum beachtet oder eingehend kontrolliert wurde: den - damals grünen - Pass.

War dies absolviert, so lag die grenzenlose Freiheit vor uns. Davon verspürt die Generation der kürzlich für reif Erklärten gerade recht wenig: Die wenigsten sind geimpft und für jeden Lokalbesuch braucht es einen Corona-Test. Und am Donaukanal die Füße über die Kaimauer baumeln zu lassen, ist auf Dauer auch nicht der tolle Kick.

Neulich spazierte ich an einem Park entlang und traf auf vier junge Menschen. Eines der Mädchen schickte sich gerade an, die Mauer zu überklettern, die den Park zur Straße hin abschließt. Ihre Freunde blickten mich an, sie hielt inne und drehte sich ebenfalls zu mir um. Auf meine Frage, warum sie denn nicht einen der Eingänge nehme, was doch bequemer sei, sagte sie: "Aber so ist es spannender." Und recht hatte sie. Ich dachte an die vielen Mauern, die ich in ihrem Alter überstiegen hatte, um zu sehen, was sich dahinter verbarg, und freute mich für die vier, die sich gerade ihr kleines Abenteuer verschafften - quasi als Kompensation für diese reichlich zähe Zeit.

Die Gelegenheiten für solche Erlebnisse in der eigenen Umgebung waren ja bereits vor der Pandemie rar geworden. Ich darf gar nicht daran denken, wie viele Gstätten es in unserer Jugend gab und welche Mutproben wir dort bestehen konnten. Mit dem kaputten Motorrad etwa, das sein Besitzer neben einem Baum zur vermeintlichen letzten Ruhe gebettet hatte und das wir zum Leben erweckten, indem wir es zu dritt einen Hügel hinauf schoben, um dann mit großem Geschrei im Leerlauf hinunter zu rasen, obwohl die Bremsen überhaupt nicht mehr griffen.

Meine eigene Kompensation holte ich mir, kurz nachdem die vier Freunde hoffentlich erfolgreich in den Park gelangt waren: Ich ging in eine Bäckerei, in der eine Verkäuferin arbeitet, deren Muttersprache Französisch ist. Für mich ist das jedes Mal ein bisschen wie Urlaub: Wir begrüßen einander mit Bon jour und wickeln auch unsere Geschäfte - vorzugsweise den Kauf von Baguette und Croissant - auf Französisch ab. Diesmal machte uns allerdings das Mohnweckerl einen Strich durch die Rechnung, da weder ihr noch mir das französische Wort dafür einfiel.

Ich musste an meine ersten Ferien in Frankreich denken, als ich beständig nach Ausdrücken für Dinge suchte, die ich kaufen wollte, was oft zu überraschenden Ergebnissen führte. Selbst der Besuch eines Geschäfts war damals ganz schön spannend.