Mit jedem Tag wird die Welt ein klein wenig besser. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir im Umgang mit Worten und Begriffen achtsamer geworden sind. Ausdrücke, die missverständlich sein könnten, mehrdeutig, widersprüchlich, gar beleidigend oder diskriminierend, sind auf jeden Fall zu vermeiden. Die Gefühle der von unseren Bezeichnungen betroffenen Lebewesen dürfen keinesfalls verletzt werden. Da es kaum unschuldige Wörter gibt, müssen einige davon entweder verschwinden, andere dürfen nur mehr in einem eindeutigen Sinn verwendet werden. Am besten wäre es, wir könnten uns in der Sprache der Mathematik unterhalten, denn Zahlen verführen nicht sofort zu bösen Assoziationen. Weil dies utopisch erscheint, sollte zumindest auf neutrale Symbole zurückgegriffen werden.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die WHO hat aus diesen Gründen beschlossen, die bislang als britische, brasilianische oder indische Variante bezeichneten Mutationen des Coronavirus umzubenennen. Da die wissenschaftlichen Klassifikationen - B.1.1.7; B.1.617.2 - für den Alltag kaum zu gebrauchen sind, treten griechische Buchstaben an deren Stelle. Die britische Variante heißt jetzt Alpha, die indische Delta. Das mag wenig überzeugend klingen, zumal auch radioaktive Strahlen, die ebenfalls gefährlich sein können, nach demselben Prinzip getauft wurden. Doch die Angst, dass Länder wie Indien, Großbritannien oder Südafrika durch den Verweis auf den geografischen Raum, in dem eine Mutante erstmals identifiziert wurde, diskriminiert werden könnten, war wohl zu groß.

Die WHO hat, wie viele sprachkorrekte Zeitgenossen, wenig Vertrauen in das Denkvermögen der Menschen. Dass eine Mutation des Virus nicht den Bewohnern jener Gegend ursächlich angelastet werden kann, die davon betroffen sind, es aber trotzdem wichtig sein kann, zu wissen, wo solche Varianten auftreten: Solch ein Differenzierungsvermögen wird erwachsenen Menschen nicht mehr zugetraut. Natürlich wird es immer wieder schlichte Gemüter geben, die kurzschlüssig jede Gelegenheit nutzen, um ihren Vorurteilen freien Lauf zu lassen. Dies allen, die eine an sich neutrale und sinnhafte Formulierung verwenden, zu unterstellen, ist ein starkes Stück.

Die geografische Zuordnung der Mutationen hatte uns plastisch vor Augen geführt, was eine Pandemie tatsächlich ausmacht. Und solange Viren von Menschen übertragen werden, führt der Versuch, sich davor zu schützen, zur zeitweiligen Blockade der globalen Übertragungswege. Der Flugverkehr wird nach wie vor nach Indien, und nicht nach Deltaland eingestellt. Wenn eine Diskriminierung vorliegt, dann in einer derartigen restriktiven Maßnahme, nicht in der Verwendung einer Herkunftsbezeichnung. Sollte sich jedoch die nun wieder stärker diskutierte These, dass das Coronavirus einem chinesischen Labor entsprungen sei, bewahrheiten, bekäme die geografische Zuschreibung mit Recht einen ganz anderen politischen Sinn.

Die Umbenennungen der WHO demonstrieren so unfreiwillig ein Paradoxon unserer Kultur. Unter dem Druck moralischer Hypersensibilität schlägt wissenschaftliche Rationalität in magisches Denken um: Die Welt lässt sich verbessern, wenn wir sie mit farblosen Termini oder haltlosen Euphemismen beschwören. Dass jedes Wort, vor allem jeder Allgemeinbegriff eine ordnende Verkürzung, ja eine gewaltsame Vereinfachung darstellen, die der Vielfalt der Wirklichkeit nicht gerecht werden kann, ist seit Nietzsches früher Sprachkritik bekannt. Diesem Verhängnis ist nicht zu entgehen. Die Alternative wäre, auf verbale Kommunikation überhaupt zu verzichten. Keine schlechte Idee. Angesichts der herrschenden Debatten ist man des Öfteren schlicht sprachlos.